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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Schatztruhe

 

 

 

 

 

Vom ABC zum Sprachkunstwerk

Weshalb dümpelt ein solches Brevier lustlos in der x-ten Auflage in einem wenig bekannten Verlag herum? Weshalb haben sich nicht die Großen der Branche der Vervielfältigungsrechte bemächtigt? Die Antwort darauf generiert unsere sprachlich-stilistische Gegenwart: Weil Sprachkunstwerke kein breites Publikum erreichen, weil die Sprechblasenkultur flächenübergreifend kultiviert wird, weil es in niemandes Interesse liegt, die deutsche Schriftsprache als Medium filigraner, non-verbaler Verständigung vor dem Verfall zu bewahren. Niemandes Interesse? Ja, und dreimal unterstrichen, denn welche Institution, welcher Schriftsteller (sic!), welcher Literaturkritiker bäumte sich denn gegen die Hybris kultusministeriell durchgepeitschter Verflachungstendenzen auf? Damit wurde der deutschen Sprache ein weiterer Hieb versetzt, der sie reduziert aufs Jargonhafte, aufs Mißverständliche. Halt: Es gibt ein Terrain, auf dem sie munter gedüngt wird und daher entsprechend sprießt - auf der Wiese der Bedeutungshoheiten, der Begriffserläuterer und Welterklärer. Sie, vorrangig Adepten Horkheimers und Adornos und Habermas' und Anhänger der Milieutheorie, rekultivieren das von Ihnen seinerzeit gegeißelte 'Herrschaftswissen' und reklamieren dreist für sich die Deutungshoheit über euphemisierte Sprach- und Wortinhalte. Ihnen mit Wilhelm Emanuel Süskind beizukommen ist aussichtslos, denn sie begreifen Sinnbildliches nicht, sondern nur Formales, heutzutage als political correctness durchgängig inquisitorisch angewandtes Vokabular. So wendet sich Süskinds ABC in seiner wunderbaren Definiertheit an jene, die, wie die Leser des DeBuMa.de, die eigene Sprache um ihrer unerhörten Ausdrucksfähigkeit lieben und von formalisierenden Goethe-Instituten nicht viel halten. Sprache zu lehren ist das eine, sie europäischerseits zu goutieren das andere, das Wesentliche hingegen resultiert aus dem, was Süskind unter 'Lob der Bindewörter' resümmiert, nämlich daß eine Sprache einzig und allein dadurch reich werde, daß sie ein lebhaftes und entwickeltes Gefühls- und Gedankenleben widerspiegelt. Das steht auf S. 147 im letzten Absatz geschrieben, und es zeigt mittels dieser raren Worte auf, was unsere Sprache entleert oder bereichert: Es ist allein das, was mit ihr ausgedrückt werden will, nichts anderes, nichts Kompliziertes. Wer also hinzulernen möchte, wer sich seiner stilistischen Fähigkeiten nicht sicher ist, wer Süskind nicht nur als Vater Patricks würdigt oder wer sich einfach wiederfinden möchte, der sei auf das in der Deutschen Verlagsanstalt, Stuttgart, 1953 erschienene, hübsch edierte Buch hingewiesen. Es bereichert in jedem Falle die Bibliothek. Man sollte es deshalb nur antiquarisch erwerben.

Schatztruhe >August 2008 I Juli I Juni I Mai I April I März I Februar I Januar

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J. Michael Baerwald, Berlin.

 

 

 
 
 

 

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J. Michael Baerwald ist Herausgeber der Buchmarkt-Portale

 

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