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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Schatztruhe

 

 

 

 

 

 

'Schöne neue Welt'

 

Wir leben ja nach Leibniz bereits in 'der besten aller möglichen Welten' - eine kleine Prise sozialen Sprengstoffes mischte Aldous Huxley 1932 ganz unaufgeregt unter den Stoff, aus dem sich die Theodizee des großen Philosophen des 17. Jhts. zusammensetzte...

Nun könnte man einwenden, daß dazwischen 222 Jahre Weltgeschichte liegen, seit Leibniz sein Traktandum 1710 veröffentlichte. Gewiß - die Frage wirft sich aber auf, ob der Mensch, der das Erdenrund vorher und nachher bevölkerte, psychisch determiniert geblieben ist, bleibt und bleiben wird, oder ob die erdrückende Mehrzahl der Menschen nicht eines nach wie vor favorisieren, nämlich Wohlfahrt und Gutleben, und zwar auf Teufel komm' raus. Das ist mehr als ein Wortspiel, es ist die Dämonie selbst, die Huxley so facettenreich in ihrer Krakenarmigkeit beschreibt.

Worum geht es ihm? Es geht ihm um das Aufzeigen jener dämonischen Kraft, die Zuckerbrot und Peitsche innewohnt, konrekt gesagt: die denen innewohnt, die beides argumentativ zur Machtsicherung benutzen. Da müssen wir nicht das Schalten und Walten der Fürstentümer zu Leibniz' Zeiten näher betrachten, Kriegsgründe analysieren - nein, es reicht völlig aus zu entdecken, wo der punctum saliens liegt. Er ist eingebettet in die Seele der Macht- und Geltungsbedürftigen aller Zeiten, und er ist Bestandteil jedes triebgesteuerten 'kleinen Mannes', der früher in Habitus und Wohnkultur den Großen nacheiferte, heute als Leistungsempfänger rahmengebend die Richtlinien der Gesellschafts- und Sozialpolitik bestimmt.

Und damit wären wir genau bei Huxleys Intention, solchen dystopischen Roman zu verfassen, angelangt. Sein kluger analytischer Verstand determinierte einfach eine Gesellschaftsentwicklung, die schon damals nicht utopisch war, sondern gerade oder wegen der Weltwirtschaftskrise 1929 zu neuen Ufern breitester Wohlfahrt strebte: zur uniformen Gesellschaft, die intellektuell und individualistisch auf den Nullpunkt reduziert werden sollte. Dies qua Entmündigung durch Wohlverhalten = fremdfinanzierten Wohlstand zu erreichen, gelang im 'Jahre 632 nach Ford', wie Huxley es formulierte. Der Preis dafür? Abstumpfung der wohlversorgten Massen, deren Mitläufertum, ihre Denunziationsmentalität, schicksalhafte Ergebenheit in einen Leviathan (Hobbes), der erdrosselte, was sich nicht hineinfügen wollte in jene angeblich sorglose 'neue Welt'. Das ihr implementierte sogenannte 'Größere Sein' als Sinngebungsdroge fesselte die Massen, so wie sie sich heute von Fußballorgien und primitivsten Motto-Schauen fesseln lassen. Sie tanzen um das Goldene Kalb  als Symbol von Reichtum und Macht wie weiland in biblischen Zeiten und erkennen nicht, daß sie allein deren furchtbare Zerrbilder sind:

'Komm, Größeres Sein, du Trost der Massen,

Und schmilz und Zwölf zu Einem hin;

Wenn unser Einzelsein wir lassen,

Ist es des Größern Seins Beginn.'

Die Apokalypse des Romans besteht somit in der absichtsvollen Vernichtung des Individualismus, was, als 'asozial' gebrandmarkt und deren Träger als 'Wilde' deklariert, unweigerlich die Ausrottung des Individuums herbeiführt. Der Kontrapunkt ist jedoch gesetzt in diesem Roman. Wie, das soll hier nicht verraten werden, denn jene Leser, die dieser 'schönen neuen Welt' literarisch noch nicht begegneten, sollen nicht um das Lesererlebnis gebracht werden; jene, die sie kennengelernt haben, werden vielleicht animiert, solchen makabren Leckerbissen noch einmal zur Hand zu nehmen. Sie werden entsetzt vergegenwärtigen, wie uns Heutigen bereits die Fesseln angelegt wurden: mittels Tabuisierung ganzer Themenbereiche, die das Selbstbestimmungsrecht der Bürger verhöhnen und die Geschichte seines Landes zu verfälschen beginnen; mittels Manipulation des Denkens entwöhnter Massen, die nichts wissen und deshalb alles glauben müssen, was Polit- und Wirtschaftskriminelle, Medienzare und deren Claquere vorbeten; mittels sozialer Parameter, die den Terminus Fleiß und Ausbildung entstellen und daraus 'Besserverdienende' kreieren, um sich selbst und ihr Einkommen aus der Schußlinie der Empörung zu bringen und um Neidgefühle zu kanalisieren; mittels Hofierung derer, die von ihnen per definitionem als 'arm' herausgestellt werden, und und und. An Gustave Le Bons Ausführungen zur 'Psychologie der Massen' sei hier zwingend hingewiesen.

Die klugen Leser unseres Portals werden unschwer entdeckt haben, welche Parallelen bereits sozialpolitischerseits  etabliert worden sind und wie festzementiert sie als Bollwerk gegen das Aufbegehren eines wissensmächtigen, gebildeten europäischen Bürgertums wirken, das sich kein X für ein U vormachen läßt. Es erfährt seit geraumer Zeit eine neue Bezeichnung als 'Zivilgesellschaft' - woraus zu schließen ist, daß etwas in Vergessenheit geraten soll, nämlich die Geisteshaltung, die individualistischen Menschen innewohnt, nämlich die des freien Gedankenflugs... Der führt zur Erkenntnis, daß Wohlstand für alle zu versprechen - verstanden als sorgloses Dahinleben ohne Leistungsäquivalent - eigentlich ein strafrechtlich bedeutsamer Betrug sein sollte (Erweckung und Aufrechterhaltung eines Irrtums zum Nachteil eines Dritten), es aber nie sein wird. Lügen durchweben nämlich unsere Welt, und es sind dieselben Lügen, die wie in Ford's Welt den Kitt liefern. Bis der Kitt morsch wird, dann gibt's Krach.

Huxley wirkt wie Orwell alarmierend; wer also Ohren hat, der höre; wer Augen hat, der sehe; wer lahm ist, der erwecke seine Glieder zum Widerstand gegen alles Nivellierende und Entindividualisierende und Manipulative. Die virtuellen sozialen Netzwerke ermöglichen es (noch) zensurfrei. Solche Bürger könnten allen Manipulateuren das Fürchten lehren. Huxley hat es bereits literarisch-dystopisch in Form gegossen. Sein Werk ist in unzähligen Neuauflagen erschienen und durch jede physische oder elektronische- Buchhandlung zu beziehen.

Dieser Kommentar hier greift zurück auf den 1971 in der 342.tausendtsen Auflage bei Fischer Taschenbuch in Frankfurt am Main herausgegebenen Band. Der Leser sollte darauf achten, daß er deutsche Ausgaben ab 1950 bestellt, da vom Autor ab 1949 ein umfassend auf das Werk bezogene und tiefschürfende Vorwort vorangestellt wurde.

 

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Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J. Michael Baerwald, Berlin.

 

 

 
 
 

 

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