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J. G. v. Herder 'Briefe der
Humanität'
Herder in die Reihe der großen Humanisten
einzureihen fällt nicht schwer, wenngleich seine Vielzahl der Talente und
Publikationen aus heutiger Sicht Anlaß zu einem gewissen Skeptizismus bieten
mag. Seine freimauerische Betätigung als (bayerischer) Illuminat fand reichen
Ausdruck in seinem Briefwechsel mit Ludwig Schröder; hier gäbe es Ansatzpunkte
zur Kritik hinsichtlich einer nicht immer kongruenten Weltschau, Ausdruck
findend in seinen Werken. Dies aber soll für den geneigten Leser lediglich einen
Hinweis für ein näheres Befassen darstellen, nicht jedoch Gegenstand der
hiesigen Betrachtung seiner Briefe sein. Diese Briefe in einer Auswahl und
Bearbeitung von Heinz Sabais vorgelegt, spiegeln die Weltschau des Nachmärz'
wider, in den das Biedermeier aufgegangen war. Aus heutiger Sicht also eine
eigentümliche Melange aus revolutionärem Weltgeist und verinnerlichter Harmonie
mit einem als Ursprungsganzen begriffenen, notwendigen Wandel der Zeitläufte.
Die rechte Würdigung der Zusammenstellung
durch den Herausgeber stellt sich ein, sobald man die Jahreszahl der Edition
liest: 1947, 'veröffentlicht unter der Zulassung der Nachrichtenkontrolle der
US-Militärregierung'. Nichts bewirkt eindrücklicheres Nachdenken mehr beim
Studium der Herderschen Briefe als ebendieses Datum und die in dieses Endjahrzehnt
hineingestellte Sehnsucht nach Überwindung des Diabolischen, des
Bestialischen der deutschen Kriegsjahre. Heute würde zweifelsohne eine andere
Auswahl und eine andere Einleitung verfaßt werden. Kinder einer engbegrenzten
Zeit sind wir allemal, Äonen zu durchwandern ist uns nicht gegeben.
Der Aspekt, den der heutige Leser einnehmen
muß, um zu verstehen, was Humanität in zeitloser Gültigkeit ist (dessen
Interpretation indes aktualisierenden Mächten unterliegt), sollte deshalb beim
Studium des Inhaltes nicht außer acht gelassen werden.
Durchgelesen und auf Seite 33 am 14. Brief
angekommen, betritt Herder diesen Pfad: 'Was ist der Geist der Zeit?'
fragt er und findet keine Antwort darauf, sondern fragt weiter mit Fragen: 'Ist
er ein Genius, ein Dämon oder ein Poltergeist, ein Wiederkommender aus alten
Gräbern oder gar ein Lufthauch der Mode, ein Schall der Aeolsharfe? Man hält ihn
für eins und das andere.'
Und in einer Vorlesung, zu finden im 46.
Brief auf S. 111, resümmiert er: 'Wahn und Wahnsinn sind überhaupt nicht so
weit voneinander, als man glaubt. Solange der Wahn sich in einem Winkel der
Seele aufhält und nur wenige Ideen angreift, behält er diesen Namen; verbreitet
er seine Herrschaft weiter und macht sich durch lebhaftere Handlungen sichtbar,
so nennt man ihn Wahnsinn. Wer kann nun jederzeit das Mehr und Weniger
bestimmen, zumal sowohl bei einzelnen Menschen als bei ganzen Völkern nach
Umständen und Perioden nichts als Konvention die Waage in der Hand hat und Namen
verteilt? Die größten Veränderungen der Welt sind von Halbwahnsinnigen bewirkt
worden, und zu mancher rühmlichen Handlung, zu manchem scharf verfolgten
Geschäfte des Lebens gehörte wirklich eine Art bleibenden Wahnsinns.'
Dies ist von zeitloser Aktualität über alle
Grenzen des Gegenwärtigen hinausreichend - liegt also der schöpferische Genius
beim Zeitgeist und beim ihn erzeugenden Menschen, dessen Wesensimmanenz
Geschichte erst formuliert? Jeder gegen Jeden, ist das Ausdruck halben
Wahnsinns, nicht eines vollumfänglichen, alle Handlungen determinierenden,
wähnenden Sinnes? Natürlich! Herder drückt solche Essenz der Erkenntnis in
seinem 123. Brief auf S. 243 so aus: 'Gesetzgeber, Erzieher, Freunde der
Menschheit (...), laßt uns unsere Kräfte vereinigen, um dem Menschen zu
beweisen, daß in den unendlich verschiedenen Lagen des Lebens er das innere
Glück nirgends finde, als in der wirksamen und tätigen Einheit seines Charakters.'
Chamisso, der Nachgewachsene, (1781-1831) sagte es so: 'Das Glück ist kein leichtes Ding, es ist in uns selbst
und nirgend anderswo zu finden.'
Und alle Poeten - denn auch Herder ist
partiell hierzu zu zählen - haben dahingehend recht, wenn sie als unmittelbaren
Ausdruck der Humanitas dessen Keim der Spiritualität zurechnen, aber einer,
wohlgemerkt, tätigen Spiritualität, denn sie ist der Quadrant des Charakters.
Und solche verloren gegangene Definition findet sich als durchgängiges Streben
in den hier vorgestellten, vom Siegel-Verlag in Frankfurt am Main 1947
herausgegeben IV. Band der 'Schriften zur Humanität'. Wem Zeitgeist
nurmehr in Gestalt des maliziösen Kürzels p.c. erscheinen mag, der
vergißt die andere Seite der Gegenwart, nämlich ihren unmittelbaren Aufruf zur Spiritualität, dessen Widerhall in uns allen als humanistisches
Streben anklingt. Herder, so wäre es zu wünschen, lieferte hiermit post mortem
den Anstoß. Es wäre eine weitere Merite dieses großen Humanisten, der, gleich
uns, auch nur ein fehlbarer Mensch gewesen ist. Den ihn entschuldenden
Unterschied macht allein sein Tätigsein aus, nicht das Zelebrieren von
Buchweisheiten!
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Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J.
Michael Baerwald, Berlin.
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