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'Blick durchs Fenster'
Sich diesem famosen Buch zu nähern bedeutet,
sich fallen lassen können in eine längst versunkene Zeit und in eine Sprache,
deren Inspiration sich aus Wissen um Zusammenhänge und dem schriftstellerischen
Können, sie dem Leser voller Stil und Verve näherzubringen, zusammenfügt.
Solche Kunst beherrschen heute nur noch
wenige und schon gar keine Journalisten (der Sieburg originär war). Statt
Buchstabensprengsel, die erst hermeneutisch gedeutet werden müssen, schreibt der
Autor so, wie es sich gehört, zumindest für anspruchsvolle Leser, die den Genius
Thomas Manns als Meßlatte für all die mediengerechten Hochspringer verinnerlicht
haben. Soweit der Prolog, denn der hier vorgestellte Titel bedarf eines
Vorwortes, um zu begreifen, worum es Sieburg ging und wie er gelesen werden
sollte. Des Genusses wegen, nicht einer oberflächlichen Pflichtübung halber, um etwas durch und durch
betörend Komponiertes in einer öden Geisteslandschaft als alternative
Aufbaukost kennenzulernen.
Wovon handelt dieses Buch? Von der
Vergangenheit Frankreichs und Englands, fokussiert auf die Städte Paris und
London und deren Alltäglichkeiten, in denen beider Bewohner mit dem konfrontiert
werden, 'was einmal war'. Also eine bloße Reminiszenz von Sehnsüchten nach einem
gloriolen Gestern? Keinesfalls. Es ist viel, viel mehr. Sieburg beginnt fein
ziseliert mit einem Satz, mit dem bereits alles ausgesagt ist, was die Aura
eines
pariserischen, spätkaledarischen Sonntags enthüllt:: Die winterlichen Sonntagnachmittage in
Paris sind still und nachdenklich... Und er fährt fort mit einer nahezu
minutiösen Beschreibung des Hineinwirkens der Französischen Revolution ins
Alltagsdenken der Menschen, die hier in ihrer Zeit weiterhin deren Kinder
geblieben sind. Was wäre denn aus Frankreich ohne jenen Volksaufstand gegen
Fäulnis und Dekadenz der Oberschicht geworden? Ein amorpher Haufen zerstrittener
Individuen. Und so entstand jenes Nachdenkliche, welches Sieburg in
Napoleon als Sachwalter der Weltidee von fraternité, liberté und
egalité erblickte.
Er führt den Leser in weiteren, oftmals nur
wenige Zeilen langen Kapiteln hinein in die Seele der Menschen und läßt sie
anklingen. Ob im Vendée, im In Jahraus, jahrein, ob im Der rote
Sessel oder Ich und Napoleon - es sind wundervolle Sentenzen, die den
Leser gefangennehmen und selbst zur Seele Paris' werden lassen...
Und, nur einen Sprung weiter über den Kanal, in der Londoner Elegie, wandelt sie
im Glockenschlag Westminsters, durch die Parks, durch das Es-war-Einmal
der einst die Weltmeere beherrschenden Nation (Britania Rules The Waves) - auch
hier wiederholt sich das Wunder der Nachdenklichkeit, indem der Leser plötzlich
mehr in sich selbst entdeckt als zuvor. Ist er nicht selbst, introspektiv, zur
Weltseele, lediglich durch Grenzen getrennt und in Nationen aufgespalten,
geworden?
Wie formuliert Sieburg dieses kosmische
Allgefühl? Er benennt es schlicht mit 'Londonglück' und 'Londonfröhlichkeit' -
was mehr ließe sich in wenigen Buchstaben ausdrücken? Das mag arg lokalkoloriert anmuten,
aber es bezeichnet jenes Einssein mit sich und dem eigenen Land und dessen
Vergangenheit, wie es nur dann möglich ist, wenn solches Einssein unverkrampft
und unzensiert artikuliert und gelebt werden darf und kann.
Ach ja: Sieburg schrieb dieses Buch
mit diesen Erlebnissen und diesen Seelenverwandtschaften wenige Monate vor
dem Zweiten Weltkrieg. Das zu erwähnen mag obligatorisch sein, es zu unterlassen
allerdings nähme ihm die Authentizität, die es erst zu einem Zeitdokument macht.
Geronnene Zeitläufte und mittendrin der Mensch, so ähnlich dürfte das Credo
lauten, um solcherart das bei Rowohlt, München, 1956 in der ersten
Auflage erschienene Buch Blick durchs Fenster als Lektüre zu empfehlen.
Wer dessen Intention begriffen hat, wird nun in der Tat hinausschauen in die
Welt, die ihm der Blick durchs unverhängte Fenster beschert und den nicht all
die Denkmauern, die uns, oft fatalistisch hingenommen und unter der Dikatatur
der zeitgeistigen political correctness fast selbstverständlich geworden,
verstellen.
Schatztruhe
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Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J.
Michael Baerwald, Berlin.
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