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Pflücke die Rose
Daß der Autor Curt Elwenspoek Aldous Huxley
das Vorwort erteilt hat nichts mit seiner Abneigung gegen Schopenhauer zu tun,
vielmehr mit der Absicht, dem Verfasser von Schöne neue Welt die von ihm
wenig erwartete Auslegung dessen, was Lebenskunst beinhaltet, zu übertragen.
Solcher Kunstgriff ist nicht neu, und es
bevorzugen ihn untalentierte Autoren, um sich im Glanze der gleißenden Sonne
fremder Berühmtheiten zu zeigen. Nicht so hier. Elwenspoek reüssierte als Autor
in den fünfziger Jahren so nachhaltig, daß man ihm gestatten sollte, Huxley zu
bemühen: Eine Kunst des Lebens kann sich nur dort natürlich entwickeln, wo
ein beträchtliches Maß seelischer Beständigkeit vorhanden ist. Recht so! Und
das treffende Vorwort dazu, welches Elwenspoek in der immerhin zehnseitigen
Einleitung zu seinem Buch ausbaut, um dem Leser das hohe Gut der Kontemplation
nahezubringen.
Eine Besonderheit weist diese allerdings auf:
Der Leser darf sich nicht auf eine Kapiteleinteilung verlassen, denn die gibt es
nicht. Stattdessen einen alphabetischen Wegweiser zur Lebenskunst auf Seite 233,
der die Bedürfnisse nach Vorab-Orientierung erfüllt. Sie wäre allerdings nicht
erforderlich, denn der in sich geschlossene Aphorismus läßt den Leser gar nicht
daran denken - er vertraut sich einfach dem Autor an und wird von ihm an die
Dinge des Lebens herangeführt, die ihm bekannt sein mögen, nicht aber unbedingt
in der hier aufgezeigten Sichtweise bekannt sein müssen.
Darin liegt der große Reiz dieses Büchleins,
eines liebenswerten Begleiters durch den prosaischen Alltag. Schlägt man die
letzte Seite um, ist man belehrt worden über die Fehlbarkeit der eigenen
Urteilsbildung, und das macht dieses Buch zu einem Schatz. In seiner
Ungekünsteltheit manifestiert er sich, nicht etwa in der heute so oft
anzutreffenden hohlen Wortakrobatik, die weder rabulistisch noch eristisch ist,
sondern einfach dämlich und auf Schaueffekte aus. Früher war alles anders? Nein,
nur hatten es Autoren sehr, sehr schwer, Flachgeistiges coram publico als von
Wortwitz durchdrungene Lebenskunst auszugeben.
In diesem Sinne ist Elwenspoek ein Huxley: Er
sondert nichts Geistloses ab. Er hat sich von den Erwartungen des Zeitgeistes an
kluge Texte emanzipiert und denkt in seinen gesamten Werken auch nicht daran,
sich von ihm dreinreden zu lassen. Das macht die im Verlag Deutsche
Volksbücher 1953 erschienenen Fibel der Lebenskunst so rar. Antiquarisch ist
sie noch gut sortiert erhältlich.
Kolumne >April 2008 I
März I
Februar
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J.
Michael Baerwald, Berlin.
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