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Die Debattierzirkel der Nation sind prall
gefüllt, denn es finden Untersuchungen der besonderen Art statt, nämlich ob und
wie und wenn ja weshalb Frauen eine besondere Spezies sui generis sind.
Da werden die üblichen Protagonistinnen der
Szene nur allzu gerne bemüht, ihrem Weitblick noch weitere Blicke in die Zukunft
folgen zu lassen - und es klatscht die Szene der sattsam bekannten
Berufsfeministinnen so laut Beifall, daß sie postum Margarete Mitscherlich ein
ums andere Mal unüberhörbar die Ehre erweisen. Dabei ist sie eine Adeptin der
Simone de Beauvoir, nicht mehr und nicht weniger.
Oder doch? In ihrem Aufsatz Die
friedfertige Frau jedenfalls entdeckt der kluge Leser - und nur um die wirbt
der Rezensent, nicht um die gackernden Hühner - nichts anderes als Parallelen zu
de Beauvoir.
Psychoanalytisch aufbereitet, d.h. umgeformt, ideologisch transzendiert, sieht er,
was die Szene nicht sieht oder sehen will, denn der Name Mitscherlich hat den
Klang der progressiven deutschen Kämpferin für das Postulat des Feminismus
bewahrt: Es geht um die
Überholung tradierter Sozialisierungsformen und die Ächtung des
Dominanzverhaltens des Mannes sowie die konzertierte Installation
geschlechtsneutraler Reaktionsweisen und künftiger gesetzlicher
Bewertungsparameter.
Das alles ist
haarsträubend töricht, zurückhaltend formuliert. Weniger zurückhaltend,
buchstabiert es sich als Vergewaltigung des freien Willens des Einzelnen mittels
Beanspruchung feministischer Deutungshoheit. Sanktionsbewehrt könnte demzufolge
die Leugnung der Behauptung sein, die 'Friedfertigkeit der
Frau' sei anerzogen, um dem Manne physisch und psychisch untertan und schweigsam zu sein. Die Gegenwart
indes lehrt anderes. Auch die Vergangenheit lehrte anderes, wie u.a. die
kriminalistische Forensik jederzeit
zu beweisen in der Lage ist. Die Zukunft wird, als schlimmes Gebräu
gesammelten degenerierten Sozialverhaltens, wiederum nichts anderes vor Augen führen, wie
Vergangenheit und Gegenwart bewiesen haben und beweisen. Was also bezweckt der
Feminismus in Wirklichkeit?
Er bezweckt eine Umkehrung christlich-abendländischer
Werte im Zuge der Aufhebung tradierten Rollenverständnisses, von der die
feministische Soziologie als ursächlich für den von ihr ausgemachten 'Geschlechterkampf' spricht. Die
Autorin, bekennende Freudianerin, erläutert die frauenfeindliche Verkettung von
gesellschaftlichem Erwartungsdruck und Unterordnung wie folgt und erliegt damit einer
Erkenntnis-Chimäre, die analogisiert, was gar nicht das breite gesellschaftliche
Fundament aufweist, welches immer adressiert wird. Zitat: 'Die psychische Verarbeitung des
anatomischen Geschlechtsunterschiedes war also nach Freud der Ursprung des
Minderwertigkeitsgefühls und der Selbstverachtung der Frau.' ''Nachdem es (das
Mädchen) den ersten Versuch, seinen Penismangel als persönliche Strafe zu
erklären, überwunden und die Allgemeinheit dieses Geschlechtscharakters erfaßt
hat, beginnt es, die Geringschätzung des Mannes für das in einem entscheidenden
Punkt verkürzte Geschlecht zu teilen.'' Das kleine Mädchen wende sich jetzt von
der Mutter ab, die es wie sich selbst als minderwertig erlebe, und fühle sich zu
dem wertvolleren Vater hingezogen. Die Abwendung von der Mutter habe eine
deutlich sexuell-genitale Note - die übrigens von unserer Gesellschaft bis heute
weit mehr zugelassen wird als die inzestuös getönte Beziehung des Sohnes
zu seiner Mutter. Es wird immer noch als normaler angesehen, wenn eine jüngere
Frau einen wesentlich älteren Mann heiratet als umgekehrt.' (S. 48 'Zum
Selbstverständnis der Frau.)
Nun, die Autorin verkehrt erkennbarerweise in
den hybriden Kreisen der Psychoanalytiker (vgl.
Moser: 'Der Psychoanalytiker als
sprechende Attrappe') und seziert eine Klientel, die zu sezieren gar nicht
möglich ist, weil sie sich der Analyse ihrer Seele einfach durch Fernbleiben
entzieht. Und so kreist wie die Autorin als Adeptin der Feminismus um die
selbstinstallierte Sonne als ureigenes Gestirn der Erkenntnis. Welcher
Erkenntnis? Der Erkenntnis Freudscher Irrlehre des Penisneides und einer vor
Sehnsucht nach Erlösung ächzenden Libido.
Mitscherlich erliegt wie alle
egozentrisch-feministisch verkapselten Interpretinnen dem Trugschluß, daß die
Frau sich nur eines wünsche: den Ausbruch aus dem fremdübergestülpten Käfig von
Tradierung und Normierung. Sie durchleide die qualvolle Enge des normativ
Faktischen als gesellschaftlich oktroyierte Hölle und erliege sexuell irgendwann entweder
nymphoman oder frigide diesen matriarchalistischen, unaufhebbaren Anforderung an
ihre naturgegebene Weiblichkeit.
Der Irrtum ist also evdident: Rein mikrozensisch
begründet erhebt der Feminismus Anspruch auf Allgemeingültigkeit und predigt einen
Hedonismus fundamental-feministischer Prägung denen, die von sich oder den
Männern enttäuscht sind und sich in einer Maskulinisierung ihrer Selbst und
damit verbundener Verhaltensnormen die Erlösung vom patriarchalischen Übel
ersehne. Mitscherlich ist deshalb in ihrer ganzen Argumentationbreite abstinent
gegen die Normalität in 99 Prozent der Ehen, die in millionenfacher Weise
gelebten Partnerschaften, die die kühle Formel 'Beziehung' als für sie unzutreffend
zurückweisen.
Daher ist Mitscherlich eine Suffragette alter
Zeit, de Beauvoir ihre Vorgängerin, und es sind heute die vielen, vielen Antlitze
derer, die sich vermaskulinisiert haben, die beredtes Zeugnis für die Zwänge eines
Feminismus ablegen, der vergötzt, was das Goldene Kalb auf anderer, monetärer, Ebene symobilsiert:
den tiradengleichen Monolog von Frauen, deren Leben keine andere Melodie als die
des ersehnten Untergangs alles Männlichen kennt. Das sind einzig und allein euphemisierte Kastrationswünsche.
Über diesem exzessiven Wünschen vergessen sie (mit Freuds Theorie im Arm) das eigene Leben
ihrer natürlichen Bestimmung zu leben.
Objektivierung statt Subjektfixierung hieße die Lösung, doch es wird begierig die
Selbstbefruchtung bevorzugt. Mitscherlich gehört zu ihren Apologeten der
Neuzeit und ins Panoptikum der Erkenntnistheorie. Die partnerschaftlich
orientierte, weibliche Frau hat sie dortselbst abgestellt.
Margarete
Mitscherlich: Die friedfertige Frau: Fischer, Frankfurt am Main, 51-80 Tausend,
1987.
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J.
Michael Baerwald, Berlin.
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