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Wir erleben zur Zeit wieder einmal eine
bizarre, aber sehr forcierte Diskussion: ob Mann und Weib eher Männchen und
Weibchen seien und ob lediglich aufgrund ihrer biologischen
Unterscheidungsmerkmale eine Kooperationsstrategie beider die
Unterschiedlichkeit
der Geschlechter erkennen lassen dürfe. Darf? Ja, denn der
Fundamental-Feminismus verbannt (auch nachzulesen im EU-Reformvertrag, Artikel 2) die
differenzielle Unterscheidbarkeit mittels der Aussage, 'daß Männer und Frauen
gleich seien.' Sie sind nicht gleichgestellt und nicht gleichberechtigt - sie
werden zur Gleichheit verurteilt. Die mangelhafte - oder vorsätzlich
verfälschende - Anwendung der deutschen Sprache führt hier zu einem
folgenschweren Fehler: dem des Gleichsetzens von Gleichheit und
Gleichwertigkeit. Gravierende semantische Unterschiede, um die jeder
Germanistikstudent im ersten Viertel-Semester weiß, werden im Reformvertrag
autoritativ uminterpretiert und sollen damit offenbar den Status des
Unantastbaren verliehen bekommen. Eine Meisterleistung entweder
marxistisch-ideologischen Ursprungs oder aber von so abgrundtiefer akademischer
Dämlichkeit, daß es jeden des Deutschsprachlichen nicht entwöhnten Kritiker
gruselt...
Simone de Beauvoir (1908 - 1986) behauptet in
ihrem Buch Le deuxième Sexe - deutsch mit Das andere
Geschlecht betitelt -, daß Frauen nicht als Frau geboren, sondern zu
Frauen gemacht werden. Ihr Status sei nicht apriorisch evaluierbar, denn er
werde ausschließlich sozialisiert. Die zeitgeistige Bezeichung hierfür lautet
Gender mainstreaming. Sie euphemisiert, fest in der Tradition der Wort- und
Bedeutungsvernebler stehend, eine feministische Ideologie, deren Ziel die
Auflösung der Familie sein muß, denn bei Würdigung der Zielsetzung bleibt für
andere Interpretationen kein Raum.
So reduziert de Beauvoir in der ersten
Auflage Ihres Buches (1951 bei Rowohlt erschienen und übersetzt von
Eva Rechel-Mertens und Fritz Monfort) das Selbstverständnis des
Mannes mit folgenden Worten: 'Man kann daher verstehen, daß die Länge des
Penis, die Stärke des Strahls beim Urinieren, die Kraft der Erektion und
Ejakulation für ihn zum Maß seines Wertes werden.'
Daraus erwuchs bekanntermaßen die unselige
Debatte des von Freud formulierten 'Penisneides', der, das scheint für ihn
evident gewesen zu sein, im Falle traumatischer Einwirkungen in der
frühkindlich-genitalen Phase, zu dauerhafter Eifersucht und Konkurrenzneid
führen könne. (sic!)
Aus diesem Freudschen Blickwinkel heraus läßt
sich trefflich die weitere Debatte dirigieren, und zwar von den Penisbesitzern
hin in die von (noch) penislosen Feministen gefürchtete Ecke, dort wo es keinen Rückzug
mehr gibt, sondern nur noch den Infight oder die brutal ausfahrende Linke. Und
so werden wohl weitere Jahrzehnte ins Land gehen und der Infight wird weiter
stattfinden wie auch die brutale Linke - was mehr als ein Wortspiel ist.
Und es wird daher weiterhin zitiert werden,
beispielhaft aus Seite 286: 'Man kommt nicht als Frau auf die Welt, man wird
es. Kein biologisches, psychisches, wirtschaftliches Schicksal bestimmt die
Gestalt, die das weibliche Menschenwesen im Schoß der Gesellschaft annimmt. Die
Gesamtheit der Zivilisation gestaltet dieses Zwischenprodukt zwischen dem Mann
und dem Kastraten, das man als Weib bezeichnet. Nur die Vermittlung eines Andern
vermag ein Individuum als Anderes hinzustellen.'
Ja, liebe Leserinnen, wie empfinden denn Sie
Ihr Frausein? Vermuten Sie sich nun als Zwischenprodukt, nicht als intellektuell
selbstbestimmtes Wesen mit unterscheidbaren primären und singulären
Sexualorganen? Und Sie, lieber Leser, weshalb schämen Sie sich nicht in
Gegenwart einer Frau der ihr von Ihnen oktroyierten Rolle? Die Antwort fällt
ganz unakademisch aus, nämlich praktisch: Sie pflegen die Partnerschaft aus Zuneigung
zueinander, Liebe aus dem Empfinden heraus, es mit einem weiblichen Menschen zu
tun zu haben, der Ergänzung des eigenen Ichs ist und nicht nur ein
komplementäres Anhängsel der Evolution.
Aber die akademische Debatte, beispielsweise
in dem neu etablierten GenderKompetenzZentrum einer Berliner Universität,
wird weitergehen und ganze Scharen an jene Ideologie heranführen, die sich als
Gender-Ideologie ausweist: durch ihren Hang zum Artifiziellen jedweden
Ichseins und die Lebenswirklichkeit als Absolutes ausschließend.
Luxusveranstaltungen wie solche können allerdings nur bei einer vorwiegend
monetär etablierten, übersättigten Klientel Beifall finden. Der Rest der Welt
hat anderes zu tun: Kinder fürsorglich erziehen und deren Talente fördern, als
Frauen den Männern und vice versa liebevoll zugewandte Partner sein, um das eben
nicht gerade unbeschwerliche Leben gemeinsam zu meistern. Das entspricht dem
Sittengemälde der Lebenswirklichkeit auch im 21. Jht. und könnte sowohl mikro-
als auch makrozensisch belegt werden. (Vgl. 'Die
friedfertige Frau')
Es wäre also besonders reizvoll, all den Adepten
de Beauvoirs (die trotz Sartre an ihrer femininen Seite nicht einmal den eigentlichen Wegbereiter der
seit zwei Jahrhunderten immer wieder aufflackernden Bewegung, also Thorndikes
Behavioristisches Denkmodell, erwähnte) das Faksimile einer sinnigen Anzeige zum
ewigen Gedenken an das originäre Frau-Sein mit
der Überschrift Ruhe! Geheimsitzung! an die
Pinnwand zu heften. Der Text erwiese sich für Feministinnen als hoch konspirativ
und defätistisch:
'Im
Nebenzimmer vom 'Goldenen Hirsch' sitzen sie, die Herren der Schöpfung.
Ihr Thema: Was schenken wir unseren Frauen zu Weihnachten? - 'Praktisch
soll es sein', meint der eine. 'Schön soll es sein', flötet der Ästhet.
'Preiswert muß es sein', fordert der Rechner.' - 'Wir machen Ihnen einen
salomonischen Vorschlag meine Herren (die Stimme des Werbeträger aus dem
Off)': 'Wählen Sie als Festgeschenk ein Electrostar-Hausgerät! Verbinden Sie
das Schöne mit dem Praktischen! Schenken Sie fürs Herz und den Verstand: Ein zum
Verlieben schönes und dabei unsagbar hilfreiches Electrostar-Hausgerät, das Ihre
Frauen endlich von den schweren Lasten und Mühen des hausfraulichen Alltags
befreit! Hier sind unsere vorweihnachtlichen Geschenk-Vorschläge...
Es
werden auf der ganzseitigen Anzeige fünf elegante Elektogeräte vorgestellt, und
zwar vom Mixer bis zum Dreischeibenbohnergerät... Ist das nichts?
Wann das war? 1956, veröffentlicht in Film
und Frau, jener magischen, golddruck-editierten Monatsausgabe aus dem
Hamburger Jahreszeiten-Verlag. Sie war eine sinnenfreundliche, zu Tagträumen
animierende, ganz und gar frauenspezifische Publikation. Sie hat kaum ebenbürtige Nachfolgerinnen in den Jahrzehnten danach
erhalten. Allesamt vollziehen sie aber eines, so ganz und gar Unfeministisches:
Sie wollen ein Lächeln bei den Leserinnen hervorzaubern und ihnen ein Gefühl
vermitteln, das eben auch ganz und gar frauenspezifisch ist, nämlich in ihrem
Frausein beachtet und geachtet zu werden. Wie sehr hierbei Diffenzierungen zwischen Frau und
Mann transparent geworden sind, beweist uns hinlänglich die Hirnforschung. 1956
ist daher gestern, heute und morgen.
Deshalb: Ohne Freudschen Penis-Neid-Komplex,
ohne vor dem Status' als 'Zwischenprodukt' (welche unglaublich perfide Mißachtung des
Weiblichen!) den
Kotau zu machen - so werden Frauen weiterhin der Realität als das
entsprechen, was sie genuin immer war und bleiben werden: als das Empfinden, Frau
zu sein und nicht Mann. Ach ja: Individualpsychologisch ist das Thema trotz
seiner von Feministinnen zwanghaft geleugneten Un-Komplexität das geblieben, was es unaufgeregt
ist, nämlich sowohl das prosaische Testat der Natur des Sexus als auch dessen
Ziel, der Eigenverantwortlichkeit des Individuums ichgemäß zu entsprechen und
ihm die Entscheidung pro oder contra Freiheit, Frau sein zu wollen, anhand zu geben. Wer
dieserhalb
uneinsichtig bleibt, kann
daraus immerhin sein persönliches Theorem konstruieren, nämlich daß der Feminismus ein kulturphilosophisches
Gut höchsten Ranges sei und sankrosankten Status genieße; allerdings darf auch die Einsichtige hieran die Axt
ihrer
natürlichen Grundüberzeugung anlegen und den Baum fällen, auf dem solch krauses Zeug in
ihrem Garten wächst. Sie wird es zu schätzen wissen und ausrufen: Variatio delectat!
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J.
Michael Baerwald, Berlin.
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