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Froschkönig
Es war
einmal eine Königstochter, die hieß Liesel. Das arme Volk im Königreich nannte
sie auch die Gänse-Liesel, weil sie selbst am meisten schnatterte unter den
Gantern und Gänsen, die um sie waren. Dazu war sie noch über die Maßen
hochmütig, und nichts wollte ihr genügen. Dabei hatte sie so viel geschafft.
Ihren Vater, den alten König, beiseite geräumt, obwohl er, der eigentlich ihr
Pflegevater war, ihr nur Gutes getan hatte: Sie aus einem anderen
Königreich, das vollkommen bankrott war, an seinen Hof geholt und ihr
adelige Manieren beigebracht; ihr anstatt eines blauen Halstuchs schicke
Hosenanzüge gekauft, 510 an der Zahl; sie schminken und frisieren lassen
von den besten Coiffeuren; ihr die garstige Muttersprache abgewöhnt und
vieles mehr. Am Ende, als der König genug für sich selbst gesorgt hatte und
spürte, daß es mit seinem Gedächtnis und vielem anderen nicht mehr zum besten
bestellt war, sie sogar zur Königin gemacht.
Da war sie
in allen Königreichen der Welt zu Gast, wurde von den Königen umschwänzelt und
den Königinnen angegiftet. Und weil es ihr dann in den engen Hosenanzügen zu
heiß wurde, versprach sie, die warme Erde wieder zu kühlen.
Königin
Gänseliesel war ganz groß und stark geworden im Ringelspiel der Buckeldiener,
Fasenachtsgesellen und Schranzlakaien. Weil sie aber nicht genug kriegen
konnte, hatte sie jetzt auch noch nicht genug. Sie wollte unbedingt den Prinzen
Breitmaulfrosch zum Gemahl haben.
Der
verlangte als einziges Brautgeschenk, dass sie ihn küßte. Vor allen seinen
Untertanen. Denen aber gefiel jener gar nicht.
Sie küßte
ihn dennoch, und - platsch - sprang aus der Fontäne des
Wolhtätigkeitsbrunnens, an dem die Liesel Sagen und Märchen ersann, anstelle des
großmäuligen Frosches ein kleiner roter Grasfrosch heraus, setzte sich geschwind
auf ihre Hand und quakte: „Königin Gänseliesel, Ihr habt mich gerufen.
Was wollt Ihr, das ich gegen Euch tue? Ach, ich weiß schon was: Ich werde ab
jetzt mit euch regieren, später sogar ohne euch, mit Verlaub, Heidewitzka! “
Ei der Daus!
Überall im Lande, an allen Höfen der Lehensvasallen der Königin, hüpften
bald kleine rote Grasfrösche umher und quakten nach Herzenslust: „Königin
Liesel hat uns geholt. Wir werden bald mitregieren! Was wollt ihr, das
wir gegen sie tun sollen?“
Sie durften
zwar nicht mitregieren, weil sie noch zu klein waren, aber wenigstens mitquaken
wie all die anderen großen Ochsenfrösche.
Das arme
Volk jedoch murrte und sagte: „So, du dumme Gänseliesel! Jetzt hast du die
Froschkönige aus deiner alten bankrotten Heimat wieder geholt. Wir sind doch
keine Froschmänner oder Froschfrauen! Sie sollen dir nur ordentlich auf der
Nase herumquaken. Geschieht dir recht. Aber wehe, wenn die Frösche aus unseren
Tellerlein essen und sich in unsere Bettlein legen!“
Jetzt war guter Rat teuer, denn
die Buckeldiener, Fasenachtsgesellen und Schranzlakaien fürchteten, dass die
Grasfrösche eines Tages so groß würden wie Ochsenfrösche und auch ihnen
ihre goldenen Sessel und Notgroschen wegnähmen. Sie tuschelten hinter
dem Rücken von Königin Gänseliesel und stürzten sie schließlich vom Thron.
Man wollte aber Gnade vor Recht
ergehen lassen und schickte sie deshalb in ein ganz besonderes Kabinett. Dort,
wo viele gestrauchelte Herrscher besichtigt werden können.
Zum Schutz überzog man sie mit
feinstem Bienenwachs. Damit sie schön glänzte und sich gut hielte. Und wenn
Schulkinder das Sonderkabinett besuchten, deuteten sie hin und sagten:
„Es war einmal eine
Königin, die hieß Gänseliesel Nimmersatt von und nach Froschau, und wenn
sie nicht gestorben ist, dann lebt sie heute wieder in der Kolchose
Uckermark. Wo das ist? Weeß ick doch nich! Vielleicht im Königreich
Pisa?“
Verantwortlich (c) für Text und
Inhalt: Wilhelm Weglehner, Thalmässing.
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