_______________________________________________________________________

 

   

 

         

ANTIQUARIATE

 

 

___  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

___

 

ANTIQUARIATE

 

 

 

HOMO HAUENSTEINENSIS

oder

 Paraphrasen des menschlichen Elends

 

 

 

 

 

 

 

  Ewiger Prolog

Hauenstein - ein Zeitgenosse, der es in sich hat und sich nicht scheut, aus sich heraus zu gehen. Denn auf Hauenstein trifft man nicht. Mit Hauenstein prallt man zusammen – eine würdevolle Erscheinung von sympathischer Wohlbeleibtheit mit liebenswerten Ecken und Kanten und nicht zuletzt ein überaus nüchterner, zuweilen bissiger Plauderer, der mit der Gewitztheit eines Hofnarren seine Bosheiten von sich gibt, Hauensteins Verlautbarungen sind keine Hirtenbriefe, die aufhorchen lassen und an denen man sich aufrichten kann. Hauenstein bevorzugt vielmehr die gebremste Normalität des Vernünftigen. Doch die unnachsichtige Beobachtung, die er seiner Umgebung und seinen Mitmenschen antut, und seine illusionslose Beurteilung der Welt und des Lebens sind durchaus dazu angetan, den einen oder anderen Zeitgenossen zur Nachdenklichkeit zu verführen. Ihnen sind schließlich auch jene Ansichten und Einsichten zu danken, die hier in zwangloser Folge erscheinen werden: hintergründige Intermezzi, Geschichten des Augenblicks - Kurzromane, wie sie das Leben diktiert.

 

Dummheit

 Um sich wieder einmal Beachtung zu verschaffen, erschien es Hauenstein an der Zeit, seinen Zechkumpanen eine eindrucksvolle Belehrung zuteil werden zu lassen.

«Man wird es kaum für möglich halten», dozierte er, «was die Wissenschaft alles zutage fördert. So behaupten beispielsweise die Neurologen, dass unser Gehirn geschätzte hundert Milliarden Nervenzellen beherberge, die in eine Billion Gliazellen eingebettet sind und das Ganze zusammenhalten. Damit haben wir Menschen mehr Zellen im Kopf als uns aus der Milchstraße Sterne leuchten. Das, meine Freunde, sollte zu denken geben. Denn was fangen wir mit dieser großzügigen Ausstattung an?»

Hauenstein stellte seine Frage fast beiläufig und mit der Miene eines Mannes, der offen für Anregungen ist.

«Die meisten Menschen haben, wie Lichtenberg treffend formuliert, wegen der Unerheblichkeit ihres Kopfes bisher noch nicht auf ihn geachtet.»

«Tatsächlich?» fragte Ostendorff in einem Ton, der darauf schließen ließ, wie gering seine Begeisterung war, die er für die Weisheit des Göttinger Philosophen hatte.

Hauenstein nickte.

«Der Mangel an Denkvermögen ist zur hervorragenden Eigenschaft geworden, und die Dummheit, die keine Grenzen kennt, ist überall zuhause und führt überall und jederzeit das große Wort. Deshalb, meine Freunde, muss man sich immer wieder vor Augen halten, dass ein Drittel der Menschheit strohdumm ist und das zweite Drittel saudumm, während das größte Drittel sich in seiner Unvernunft ausgesprochen bescheiden und damit zufrieden gibt, über eine für seine Bedürfnisse sicherlich ausreichende Intelligenz zu verfügen.»

«Nun ja», fuhr er fort, «man muss sich immer wieder zähneknirschend wundern, wie unbekümmert die Natur bei der Verteilung ihrer Gaben vorgeht. Der Herrgott scheint jedenfalls die Einfältigen und Unbedarften zu bevorzugen, sonst hätte er nicht so viele davon geschaffen. Ein Trost bleibt uns auf alle Fälle: Was hilft die ganze Intelligenz, wenn man mit Dummheit weiterkommt? Und schließlich sollten wir uns gelegentlich auch die geradezu ermutigende Einsicht vor Augen halten, wieviele rechtschaffene Männer schon Opfer ihrer Gescheitheit und wieviele ausgemachte Deppen Nutznießer ihrer Beschränktheit geworden sind.»

 

Ex minimis maxima

Aus dem Kleinsten das Größte

 «Wenn immer wieder behauptet wird», meinte Hauenstein, «ein Ganzes sei mehr als die Summe seiner Teile, so sollte man sich doch auch einmal der Mühe unterziehen, die Beschaffenheit der Teile eingehender zu begutachten. Beispielsweise wäre es ausgesprochen sinnlos, ein kompaktes Bündel von Streichhölzern knicken zu wollen. Wenn man dagegen nur einige wenige Hölzer herauszieht, wird das ganze Bündel zerbrechlich.»

  

Worterklärung

 «Wenn ich mir so die Schönen und Reichen betrachte, wie sie in den Medien dem staunenden Publikum dargeboten werden, dann bin ich», sagte Hauenstein, «wie ich gestehen muss, doch einigermaßen ratlos: der ganze Glanz, der verschwenderische Luxus, die leichte, offene und öffentliche Art, wie sie leben und lieben – man könnte nachgerade neidisch werden. Noch ratloser allerdings macht mich das Kürzel, mit dem man diese Leute landläufig bezeichnet: Promis. Es wird zwar, wie behauptet wird, von Prominenz abgeleitet. Ich dagegen tippe mehr auf Promiskuität.»

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.

>September 2008 I August I Juli I Juni 2008

Die Reihe wird in lockerer Folge fortgesetzt

Ihre Meinung zu diesem Text ist gefragt:

redaktion@deutscher-buchmarkt.de

 

 

 
 
 

 

Ad personam

 

 

Dr. phil. Gerhard Fischer ist Chefredakteur eines Fachmagazins und Autor der Bestseller 'Das Ei des Damokles' sowie 'Die Weisheit der Binse',

 

beide verlegt bei PRINCIPAL