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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

HOMO HAUENSTEINENSIS

oder

 Paraphrasen des menschlichen Elends

 

 

 

 

 

 

 

Immerwährender Prolog

Hauenstein - ein Zeitgenosse, der es in sich hat und sich nicht scheut, aus sich heraus zu gehen. Denn auf Hauenstein trifft man nicht. Mit Hauenstein prallt man zusammen – eine würdevolle Erscheinung von sympathischer Wohlbeleibtheit mit liebenswerten Ecken und Kanten und nicht zuletzt ein überaus nüchterner, zuweilen bissiger Plauderer, der mit der Gewitztheit eines Hofnarren seine Bosheiten von sich gibt, Hauensteins Verlautbarungen sind keine Hirtenbriefe, die aufhorchen lassen und an denen man sich aufrichten kann. Hauenstein bevorzugt vielmehr die gebremste Normalität des Vernünftigen. Doch die unnachsichtige Beobachtung, die er seiner Umgebung und seinen Mitmenschen antut, und seine illusionslose Beurteilung der Welt und des Lebens sind durchaus dazu angetan, den einen oder anderen Zeitgenossen zur Nachdenklichkeit zu verführen. Ihnen sind schließlich auch jene Ansichten und Einsichten zu danken, die hier in zwangloser Folge erscheinen werden: hintergründige Intermezzi, Geschichten des Augenblicks - Kurzromane, wie sie das Leben diktiert.

 

Partygeflüster

  

Hauenstein gab eine Party, und viele waren gekommen. So auch der allseits bekannte und beliebte Erste Tenor der städtischen Oper.

Hauenstein begrüßte ihn herzlich.

«Würden Sie uns», sagte er, «die außerordentliche Freude bereiten und nach Einbruch der Dunkelheit auf der Terrasse, unter Kerzenlicht, eine Arie zu Gehör bringen?»

Der Sänger gab sich befremdet. Mit mildem Lächeln und dem Zittern heftigen Unwillens in der Stimme verwies er auf die Tatsache, dass just um diese Zeit die meisten Kinder schon zu Bett gebracht würden, aber auch ein erklecklicher Teil der erwachsenen Anwohner, insbesondere älterer Menschen, sich bereits zur Ruhe begeben hätte. Rücksichtnahme, gab er zu bedenken, sei geboten.

«Da will und kann ich Ihnen in keiner Weise zustimmen », entgegnete Hauenstein. «Bitte bedenken Sie, dass die Leute in diesem Viertel nichts Besseres verdienen. Sie sollten nur einmal hören, wie menschenverachtend sie mit ihren Motorrädern umgehen, wie rücksichtslos sie ihre Hupen und Musiken bedienen. Und vorige Woche haben sie sogar meinen Hund vergiftet, nur weil er nachts ein bisschen gejault hat. Deshalb, lieber Herr Kammersänger, keine falsche Nachsicht! Keine falsche Rücksicht! Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.»

 

***

 

Vor Überraschungen war keiner, der Umgang mit Hauenstein pflegte, gefeit. Dennoch nahm man mit Erstaunen zur Kenntnis, dass er sich vollkommen passiv verhielt, als auf Ebelings Gartenfest zu vorgerückter Stunde die fleischige Gegenwart einer üppigen Blondine über ihn hereinbrach. Kein hinterhältiges Lächeln, das so viele schon in Verlegenheit gebracht hatte, kein heimlicher Kniff, kein schlüpfriges Wort. Hauenstein blieb geradezu unhöflich unbeeindruckt. Er war dafür bekannt, manchmal schlechter Laune zu sein. Als wollte er dies heute offensichtlich und öffentlich unter Beweis stellen, widmete er sich ausschließlich seinen bisherigen Gesprächspartnern. Auf sein ungewöhnliches Verhalten angesprochen, meinte er mit nachsichtigem Lächeln: «Solange sie mich nicht ansprach, hat sie mich ausgesprochen angesprochen. Aber das Alter, nun ja, fordert seinen Tribut.» Und zu der Schönen gewandt, fügte er hinzu: «Vor zehn, fünfzehn Jahren, meine Teure, hätten Sie mich kennenlernen müssen - als ich noch zwanzig Jahre jünger war.»

 

***

 

Ebelings Bruder nahm jede Gelegenheit wahr, auf seine Bedeutung hinzuweisen. Ein kleiner, dicker Mann von untadeligem Charakter und unerschütterlicher Beschränktheit, der sein Ansehen als wesentlichen Teil der Mitgift seiner Gattin zu verdanken hatte. Denn seine Frau war, wie Hauenstein bemerkte, so unerhört wohlhabend, dass er es sich bedenkenlos erlauben durfte, seine Hände in ihren Schoß zu legen und seiner natürlichen Vorliebe für den Müßiggang in geradezu ungebührlicher Weise zu frönen. Sein eigentliches Hobby aber war die Jagd nach den monetären Schätzen dieser Welt und die Umgehung der Steuerpflicht – er nannte es kreatives Finanzverhalten. Darüber hinaus schien sein Seelenfrieden im hohen Maß von der uneingeschränkten Bewunderung seiner Mitmenschen abhängig – mehr oder weniger war dies auch der Grund, zu seiner Geburtstagsparty einige Dutzend Gratulanten in seinen Garten zu bitten, die, getragen von einer unbefangenen Konversation auf der Basis gemeinsamer Ignoranz, der Freigabe des angerichteten Buffets entgegensahen.

Hauenstein, der das beziehungslose und peinliche Herumstehen zwischen Bäumen, Sträuchern, Büschen und Beeten als Zumutung empfand, versuchte erst gar nicht, seinen Unwillen zu verbergen.

«Manche Leute», sagte er, «brauchen den Aufwand um ihre Person. Dafür sind sie sogar bereit, tief in die Tasche zu greifen – ein sicheres Zeichen für das Missgeschick, dem sie zu verdanken haben, dass sie irgendwann einmal, vielleicht sogar in frühester Jugend, auf jenen Körperteil gefallen sind, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft man eigentlich ein Hirn vermuten sollte. Wie auch immer», meinte er dann, «selbst diese Art zu leben scheint von Gott gewollt. Im Übrigen» - er wandte sich mit einem unangenehmen heiteren Lächeln an den Gastgeber: «bewundere ich Ihren Garten – ein großes Kompliment an den Gärtner, der ihn pflegt – und auch den Luxus, mit dem Sie Ihr Heim herausputzen ließen. Nicht zuletzt und durchaus mit Wohlgefallen, vielleicht sogar mit einigen neidvollen und ausschweifenden Gedanken weiß ich die Kennerschaft zu schätzen, mit der Sie sich so zielsicher für Ihre Gattin entschieden haben.»

Er nahm Ebeling beiseite, der sich gerade entzückt über den gut besuchten Empfang ausließ, lächelte und entblößte dabei viele Zähne. «Unabhängig von all diesen hymnischen Elogen erlaube ich mir abschließend, Ihrem Herrn Bruder den unerbetenen Rat zu geben, sich nicht so wichtig zu machen. Es gibt größere Zwerge als ihn.»

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.

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Dr. phil. Gerhard Fischer ist Chefredakteur eines Fachmagazins und Autor der Bestseller 'Das Ei des Damokles' sowie 'Die Weisheit der Binse',

 

beide verlegt bei PRINCIPAL