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Ewiger
Prolog
Hauenstein - ein Zeitgenosse,
der es in sich hat und sich nicht scheut, aus sich heraus zu gehen. Denn auf
Hauenstein trifft man nicht. Mit Hauenstein prallt man zusammen – eine
würdevolle Erscheinung von sympathischer Wohlbeleibtheit mit liebenswerten Ecken
und Kanten und nicht zuletzt ein überaus nüchterner, zuweilen bissiger
Plauderer, der mit der Gewitztheit eines Hofnarren seine Bosheiten von sich
gibt, Hauensteins Verlautbarungen sind keine Hirtenbriefe, die aufhorchen lassen
und an denen man sich aufrichten kann. Hauenstein bevorzugt vielmehr die
gebremste Normalität des Vernünftigen. Doch die unnachsichtige Beobachtung, die
er seiner Umgebung und seinen Mitmenschen antut, und seine illusionslose
Beurteilung der Welt und des Lebens sind durchaus dazu angetan, den einen oder
anderen Zeitgenossen zur Nachdenklichkeit zu verführen. Ihnen sind schließlich
auch jene Ansichten und Einsichten zu danken, die hier in zwangloser Folge
erscheinen werden: hintergründige Intermezzi, Geschichten des Augenblicks -
Kurzromane, wie sie das Leben diktiert.
Man diskutierte die peinliche Beobachtung, dass
die Menschen allzuleicht dazu neigen, einige mehr oder minder bedeutende
Zeitgenossen als Berühmtheiten zu verehren.
«Offenbar», sagte Hauenstein, «ist dies ein
Bedürfnis, das mehr von Stimmung und Laune als von der Vernunft geleitet wird.
Es gibt nun einmal Leute, die sich sogar zum Narren machen, nur um sich von den
anderen in irgendeiner Weise zu unterscheiden und in ihrem unseligen Ehrgeiz
Aufsehen mit Ansehen verwechseln. Weil sie es brauchen, auf diese Art sich
selbst bestätigen zu müssen. Es wäre bestimmt nicht richtig, das angeborene
Menschenrecht auf die eigene Macke in Frage zu stellen. Wer auffällt, wird zur
Beute.»
«Zur Beute?» Ostendorff sah ratlos in die
Runde, als hätte man ihn meuchlings getroffen. Seine Augen glühten wie überreife
Stachelbeeren.
«Wer auffällt», sagte er, «hat zuvor einiges
tun müssen, um aufzufallen. Wer auffällt, hat sich bewähren müssen, hat etwas
leisten, sich gegen andere schlagen, wehren, durchsetzen müssen. Wer auffällt,
lieber Hauenstein, hat sein Ziel erreicht.»
«Wie kommen Sie eigentlich dazu, mich lieb zu
nennen, nachdem ich doch unmissverständlich zu verstehen gegeben habe, dass ich
ganz und gar nicht Ihrer Meinung bin? Wer auffällt, sagen Sie in Ihrer
berüchtigten Unbedarftheit, habe zuvor etwas leisten müssen. Einverstanden: Oft
genug konnte man schon feststellen, dass gerade die, die auffallen, zu jeder
Erniedrigung bereit waren, wenn es galt, ihre Popularität zu fördern. Oscar
Wilde behauptet, dass einer, der sich bekannt und beliebt machen will,
mittelmäßig sein müsse. Ich glaube, hier hat er untertrieben. Wer bekannt und
berühmt werden will, muss sich erniedrigen. Er muss verständlich sein für die
Vielzuvielen, die ihn verehren sollen. Schon Lichtenberg macht darauf
aufmerksam, dass der Ruhm und die Blödsinnigkeit seiner Bewunderer
zusammengehören.»
Ostendorff wagte zu widersprechen.
«Lichtenberg!» meinte er verächtlich. Mit dem
Ausdruck aufdringlicher Eitelkeit hob er seinen dicken Finger. «Ja, ich weiß.
Ihr verehrter Lichtenberg! Sie haben sich schon zur Genüge zu diesem bissigen
Spötter bekannt. Aber Lichtenberg urteilt aus seiner Zeit heraus. Heute ist das,
weiß Gott, anders. Da muss man Hunderttausende, ja Millionen von seinen
Fähigkeiten überzeugen, um anerkannt und berühmt zu werden.»
Hauenstein wehrte ab mit der genießerischen
Miene eines Mannes, der aus purem Spaß widerspricht:
«Sie machen es sich zu einfach. Gewiss: Wenn
heute eine oder einer die Bühne betritt, wird er oder sie – wir sollten schon
auf einer korrekten Geschlechtertrennung bestehen – wird er oder sie schon als
Star gefeiert, obwohl er oder sie vielleicht gar nicht so dumm sind, wie diese
sogenannten Stars dazu ein Recht haben.»
Ostendorff, der auf seiner Meinung beharrte,
ließ nicht locker:
«Selbst Lord Byron gesteht, dass er absolut
nicht ungehalten über diese Erkenntnis war. In seinem Tagebuch beschreibt er,
wie er morgens aufwachte und sich berühmt fand – was immer ihn dazu veranlasst
haben mag.»
«Ostendorf, Ostendorf!» rief Hauenstein,
abgeklärt wie ein Stoiker, der alle anderen im Irrtum weiß. «Sie nutzen jede
Gelegenheit, um sich Ihre fragwürdige Belesenheit bestaunen zu lassen. Sie
werden mir noch nicht einreden wollen, dass Sie Byrons Tagebücher gelesen haben?
Vielleicht sogar in Englisch? Im Übrigen muss ich Sie darauf hinweisen, ist
beiden, Lichtenberg wie Byron, das achtzehnte Jahrhundert gemeinsam.» Und böse
lächelnd fügte er hinzu: «Dem einen mehr, dem andern weniger.»
«Stars sind nun einmal Vorbilder, leuchtende
Vorbilder, wie schon aus der Bezeichnung hervorgeht.»
Hauenstein nickte:
«Irgendwie muss ich Ihnen rechtgeben. Es liegt
in der Eigenart der Sterne, dass sie, wenn auch ziemlich weit von uns entfernt,
ihr Licht leuchten lassen. Das trifft durchaus auf die sogenannten Stars zu,
deren einzige und ehrgeizige Seligkeit der Beifall der Menge ist: Weit von uns
weg, weit weg von der Normalität, weit genug jedenfalls, um ihre diversen
Schwächen und Fehler nicht erkennen zu lassen. Aber vergessen Sie nicht: Auch
Sterne gehen unter. Und danach werden sie weder vermisst noch beklagt.
Nebenbei bemerkt: Wo sind eigentlich die früher
üblichen Starlets abgeblieben? Jene Ehrgeizlinge, denen man die Chance zur
Berühmtheit eingeräumt hat, sofern sie geeignet und befähigt sein sollten, sich
zu beweisen und die hohen Erwartungen zu erfüllen, die Agenten und Impresarios
in sie gesetzt hatten? Diese prägalaktische Bewährung hatte durchaus ihre
Vorteile. Sie hat die Spreu vom Weizen getrennt. Wo aber hört man heute noch von
Anlagen, Neigungen, Begabung, Tauglichkeit? Heut werden selbst die
unbedeutendsten Schnuppen zu Sternen gefirmt. Was man allerdings nie außeracht
lassen sollte: eine Sternschnuppe sieht man erst, wenn sie erlischt.»
Hauenstein, von geradezu übertriebener
Gelassenheit und unerträglicher Selbstgefälligkeit vermittelte den Eindruck,
über jedweden Einwand erhaben zu sein.
«Wichtig ist die geistige und körperliche
Selbstentblößung, denn wer vielen gefallen will, muss sich vieles gefallen
lassen, um dann, von Schmeicheleien umnebelt, den Affen zu spielen und seinen
Zeitgenossen zu verstehen zu geben, dass er auch nichts anderes als ein ganz
gewöhnlicher Mensch ist.
Diese Sterne, die so gar nichts mehr mit dem
Himmel gemein haben, gehen nicht auf, weil sie glänzen, sondern weil sie
inszeniert werden. Sie leuchten auf: sternhell, sternenklar, sternförmig, um
dann ebenso kometenhaft wieder zu erlöschen – und allen sind sie schnuppe.
Wichtig ist ebenso, dass sie die Gefallsucht,
den physischen und psychischen Exhibitionismus befriedigen, um dem Voyeurismus
ihrer Bewunderer Rechnung zu tragen. Und über allem schwebt die Hoffnung, dass
es, Ziel aller Mühen und Anstrengungen, dass es zum Starkult kommt. Denn dann
schwelgt die Fanmeute im beseligenden Wohlgefühl, einem historischen Ereignis
beizuwohnen, auf einem Meilenstein der Geschichte Platz genommen zu haben –
obwohl man heute kaum noch einen anderen lieb oder gern hat. Heute steht man auf
ihm, eine hochbrisante Unbedachtsamkeit, wenn man einerseits in Betracht zieht,
wie kurzfristig ein derartiger Klamauk und Klimbim oft abgewickelt wird und wie
fahrlässig man sich andererseits der Bezichtigung einer Körperverletzung
aussetzt. Über das Scheitern aber, um darauf zurückzukommen, schert sich kein
Mensch.»
«Mit Ihrem ständigen und berüchtigten
Pessimismus sind Sie jederzeit in der Lage, alles kaputt zu machen. Warum»,
fragte er, offensichtlich entrüstet, «sind Sie immer nur so negativ?»
Hauenstein blieb gelassen:
«Wenn der Unwille über Einzelne allmählich
einer sanften Verachtung des Ganzen Platz macht, dann wird man von allen, denen
diese Erkenntnis verschlossen bleibt, als Räuber der Illusionen missverstanden.
Was Sie mir als Pessimismus vorwerfen, ist nichts anderes als eine gehörige
Portion Realismus, Erfahrung auch, die sich in einem langen Leben zwangsläufig
ansammelt.
Aber vergessen wir die Strohfeuer, an denen
sich die Eintagsfliegen verbrennen. Und anerkennen wir, dass es durchaus
bemerkenswerte und bewundernswerte Menschen gibt. Doch auch denen steht
irgendwann ein Abtritt ins Haus, ob es sich nun um den Politiker handelt, der
aufgrund der eigenen oder staatlichen Verfassung sein Amt aufgeben muss, oder ob
es um Künstler, Forscher, Mimen geht: irgendwann ist für jeden die Zeit der
Einsicht gekommen, wo er oder sie ganz einfach zur Kenntnis nehmen muss, dass
man den Gipfel überschritten hat und am Ende ist, freiwillig oder gezwungen.
Dann bleibt nur noch, schicklich Valet zu sagen und das Weite zu suchen.
Auch der Star muss abtreten, wenn sein
hochtrabender Titel durch die vulgäre und unappetitliche Suche nach dem
Superstar, diesem Höherpunkt abendländischer Lächerlichkeit, abgewertet wird.
Die Nova wird von der Supernova geschlagen und abgelöst. Folgt bloß noch dem
Superstar der Megastar, und schon nähern wir uns geistesgeschichtlich der
Jungsteinzeit, in der unsere Vorfahren ihre Herrscher und Hünen - nomen est omen
- in Megalithgräbern beigesetzt haben. Mit anderen Worten: Zurück zu den
Anfängen, was noch nicht einmal so bedauerlich wäre, wenn man nur die Gewissheit
hätte, alles von Neuem beginnen zu können. Sie erinnern sich, dass es Hermann
Hesse war, der den Zauber des Neuen so inständig beschwor. Diese Hoffnung lässt
nur einen Schluss zu: Wenn es sich um einen echten Star handelt, dann kommt er
auch ohne Vorsilben aus, um sich seiner Popularität auf Dauer sicher zu sein.»
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.
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