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Prolog
Hauenstein - ein Zeitgenosse,
der es in sich hat und sich nicht scheut, aus sich heraus zu gehen. Denn auf
Hauenstein trifft man nicht. Mit Hauenstein prallt man zusammen – eine
würdevolle Erscheinung von sympathischer Wohlbeleibtheit mit liebenswerten Ecken
und Kanten und nicht zuletzt ein überaus nüchterner, zuweilen bissiger
Plauderer, der mit der Gewitztheit eines Hofnarren seine Bosheiten von sich
gibt, Hauensteins Verlautbarungen sind keine Hirtenbriefe, die aufhorchen lassen
und an denen man sich aufrichten kann. Hauenstein bevorzugt vielmehr die
gebremste Normalität des Vernünftigen. Doch die unnachsichtige Beobachtung, die
er seiner Umgebung und seinen Mitmenschen antut, und seine illusionslose
Beurteilung der Welt und des Lebens sind durchaus dazu angetan, den einen oder
anderen Zeitgenossen zur Nachdenklichkeit zu verführen. Ihnen sind schließlich
auch jene Ansichten und Einsichten zu danken, die hier in zwangloser Folge
erscheinen werden: hintergründige Intermezzi, Geschichten des Augenblicks -
Kurzromane, wie sie das Leben diktiert.
Vita
brevis
Hauenstein
betrachtet das Leben, das oftmals so schwer sein kann, dass es nicht selten von
Philosophen als Kampf gedeutet wird, keineswegs als danteskes Drama, und es wäre
sicher falsch, ihm allzu tiefgründige und schwerwiegende Gedanken darüber zu
unterstellen. Er ist vielmehr mit Eigensinn darauf bedacht, für sich und alle,
denen er etwas zu sagen hat, das kulturelle, das stilvolle Dasein zu erhalten,
das heute überall auszusterben droht.
«Gewiss», sagte er, versunken
in ein unbestimmtes Schauen, «es ist einzuräumen, dass vieles im Leben rau und
roh ist. Dass Böses geschieht und Gutes unterlassen wird. Dass jeder seine
tagtägliche Last zu tragen hat wie die Kundschafter Josua und Kaleb die
gewaltige Traube aus Kanaan. Dass wir es schließlich mit Zeitgenossen teilen
müssen, deren hohes Aggressionspotential und niedrige Hemmschwelle zu
abscheulichen und verwerflichen Taten verführen. Andererseits aber gibt es viele
liebe und treue Mitmenschen, die hoffen lassen, dass sich das Dasein nicht ganz
so trübsinnig abspielt, wie die Pessimisten argwöhnen. Denn für diese
miesepetrigen Typen, die sich weder um die Nonchalance der Reichen noch um die
Unbekümmertheit der Armen scheren, ist das moderne Leben ohnehin nur eine
Gratwanderung zwischen natürlicher Ignoranz und künstlicher Intelligenz und der
Mensch nichts anderes als eine von Genen und Trieben gelenkte und genarrte
komplizierte Maschine, die, wie die einen befürchten und die anderen erhoffen,
eines Tages durch technische Errungenschaften vollständig ersetzt werden kann.
Man braucht zwar derartig kühne Spekulationen und triste Perspektiven nicht
unbedingt ernst zu nehmen. Als Warnung aber sind sie allemal wertvoll.
Das, was die Biologen mit ihren
Mitteln bisher nicht entdecken konnten – oder noch nicht entdeckt haben - müssen
wir einstweilen dem philosophischen Denken überlassen. Und so bleibt lediglich,
uns mit der Einsicht zu begnügen, dass es nicht einfach ist, das Leben so leicht
zu nehmen, wie es der Ernst des Lebens verlangt - ob man nun in einem Palast
wohnen darf oder in der schäbigsten Hütte im entlegendsten Flecken der Erde
hausen muss. Denn mit allem, was und wie wir denken, fühlen und handeln,
bereiten wir unsere Vergangenheit vor. Deshalb muss auch der, der mit einem
großen Stehvermögen ausgestattet ist, sich von Zeit zu Zeit durchsetzen.
Leben ist ein Zeitwort, das
sich in allen grammatischen Formen ausdrücken lässt. Nur der Infinitiv macht
Schwierigkeiten. Denn das Leben» - offenbar hatte Hauenstein sich entschlossen,
seine Gedanken geradezu mit sinnlichem Behagen weiter zu spinnen - «ist ein
nicht unwesentlicher Teil der menschlichen Existenz, und es gleitet dahin, ohne
dass man es gewahr wird. Mancher kennt es nur vom Hörensagen. Von anderen weiß
man weder, wie sie lebten, noch woran sie gestorben sind. Viele haben sich für
den Rest ihres Daseins in trostloser Öde abgefunden. Und nicht wenige leben
nicht einmal ein Mal.»
Und abschließend: «Das Leben
geht vorbei. Das Leben geht an uns vorbei. Wir gehen am Leben vorbei. Warum
haben wir’s nur so eilig?»
Der
Eine, die Anderen und die Meisten
Die Veranstaltung war gut
besucht, und Hauenstein, eingekeilt in eine kosmopolitische Menge und aufs
Äußerste gelangweilt, stellte einige tiefsinnige Betrachtungen über Mensch und
Menschen an.
«Ich hasse Zusammenrottungen
aller Art, ganz gleich, ob es sich um Aufführungen, Ausstellungen, Vorlesungen
oder Versteigerungen handelt, ob es um das Gerenne und Getümmel in Bahnhöfen
oder um das Getriebe und Gewimmel vor Theatergarderoben geht. Des Menschen Drang
zum Gedränge ist groß. Allein diese Einsicht sollte genügen, um aus einem
Philanthropen einen Misanthropen zu machen.
Überhaupt scheint mir, dass wir
Menschen eine missratene Gattung sind. Wenn man bedenkt, dass mancher als
Wunschkind geboren wurde, könnte man verzweifeln. Bestenfalls um ihrer Torheiten
willen kann man die Menschen ertragen.
Wir leben im Gedränge.
Allerdings sollte man auch das Gute an der Übervölkerung anerkennen: Die
Menschen kommen sich näher – ohne Kontakt. Einsamkeiten ohne Zahl. Und dabei
gibt es kaum einen, der nicht von seiner Einmaligkeit überzeugt wäre. Denn wer
will schon zur Masse gezählt werden, selbst wenn er mit der Elite nachweislich
nichts zu tun hat? Ein Einzelgänger ist sich selbst genug.
Die zweifelhafte Behauptung,
alle Menschen seien Brüder, gemahnt fatal an Kain und Abel.»
Müde geworden, erschöpft auch
vom vielen Sinnen und Sehen, beschloss er, seine Augen zu schließen und
abzuwarten, bis man wieder nach ihm verlangte. «Eines nur stimmt versöhnlich»,
resümierte er, «wenn es hier immer so voll ist, kommt bald keiner mehr her.»
Einsicht
«Einen Vorteil hat das Alter»,
sagte Hauenstein. «Man braucht sich nicht mehr um Mitmenschen zu kümmern. Man
wird einsichtig genug, das Wesentliche vom Unnötigen unterscheiden zu können und
vieles zu vergessen, was man als belanglos erkannt hat. So weiß ich heute
beispielsweise, dass es nur drei Dinge gibt, die im Leben wichtig sind: Erstens
Geduld...» - er machte eine bedeutungsvolle Pause und gab dann ein Schnauben von
sich, das wie ein verbales Schulterzucken klang. Dann, leise lächelnd, fügte er
hinzu: «Das zweite und das dritte hab ich vergessen.»
Martialisch
«Warum», fragt Hauenstein,
«geben sich die meisten Potentaten ein so martialisches Aussehen? Bei den
Machthabern exotischer Länder könnte man noch Verständnis dafür aufbringen. Sie
sind zwar von ihrer Bedeutung überzeugt. Insgeheim aber leiden sie an ihrer
Ohnmacht. Und da sie wissen, dass es an ihrer Herrschaft und an ihrem Regieren
einiges zu Verschleiern gibt, bekleiden sie sich mit Uniformen und behängen sich
mit glitzernden Orden und leuchtenden Schärpen. Je kleiner das Land, desto
dekorativer die Hoheit und Würde seines Herrschers. Die unanzweifelbare
Autorität wird offen und gravitätisch zur Schau getragen. Letzten Endes aber ist
alles eine Frage der Maske. Deshalb sollte man sich bei derartigen Darbietungen
stets vor Augen halten, dass eine Maske nach außen hin, von Wölbungen mit
Reliefcharakter geprägt, erhaben aus der Fläche hervortritt - innen aber hohl
ist.»
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.
>Juni 2008
Die Reihe wird in
lockerer Folge fortgesetzt
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