_______________________________________________________________________

 

   

 

         

ANTIQUARIATE

 

 

___  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

___

 

ANTIQUARIATE

 

 

 

HOMO HAUENSTEINENSIS

oder

 Paraphrasen des menschlichen Elends

 

 

 

 

 

 

 

Immerwährender Prolog

Hauenstein - ein Zeitgenosse, der es in sich hat und sich nicht scheut, aus sich heraus zu gehen. Denn auf Hauenstein trifft man nicht. Mit Hauenstein prallt man zusammen – eine würdevolle Erscheinung von sympathischer Wohlbeleibtheit mit liebenswerten Ecken und Kanten und nicht zuletzt ein überaus nüchterner, zuweilen bissiger Plauderer, der mit der Gewitztheit eines Hofnarren seine Bosheiten von sich gibt, Hauensteins Verlautbarungen sind keine Hirtenbriefe, die aufhorchen lassen und an denen man sich aufrichten kann. Hauenstein bevorzugt vielmehr die gebremste Normalität des Vernünftigen. Doch die unnachsichtige Beobachtung, die er seiner Umgebung und seinen Mitmenschen antut, und seine illusionslose Beurteilung der Welt und des Lebens sind durchaus dazu angetan, den einen oder anderen Zeitgenossen zur Nachdenklichkeit zu verführen. Ihnen sind schließlich auch jene Ansichten und Einsichten zu danken, die hier in zwangloser Folge erscheinen werden: hintergründige Intermezzi, Geschichten des Augenblicks - Kurzromane, wie sie das Leben diktiert.

 

Unfallfrei

 Dass ihm seine Liebe zum Wein das Leben oft schwer machte, nahm Hauenstein gelassen. Denn der Trost, den er im Glas fand, entschädigte ihn allemal für jedes Ungemach. Als er nachhause kam, zog er mit artigem Gruß den Hut vor der alten Standuhr, die in der Diele ächzte, stöhnte, fauchte und dann drei Schläge tat. Danach wandte er sich mit dem schweren Schritt eines Bären, der vom Honig weiß und ihn nicht finden kann, der Treppe zu. Dort ließ er sich auf alle Viere nieder und erklomm, leise vor sich hinträllernd, Stufe um Stufe, bedächtig wie eine heilige Schildkröte.

«Schon wieder bist du betrunken!» keifte seine Frau in festgefrorener Missbilligung. Sie holte Luft, um ihr Plädoyer fortzusetzen, aber ihre Lamentationen  gingen vorzeitig in einem heftigen Schluckauf unter – und dieser Schluckauf war offensichtlich das einzige Hemmnis, das nachdrücklich genug zu sein schien, ihre überströmende Entrüstung einzudämmen.

Hauenstein hob wehrend die Hand. Und mit der Weitschweifigkeit der Betrunkenen dozierte er seine Rechtfertigung:

«Auch wenn dieser Vorwurf in penetranter Regelmäßigkeit vorgetragen wird, ändert das nichts an der Torheit derer, die ihn erheben! Deine Vorhaltungen sind ebenso unergiebig wie das zweifelhafte Bemühen, einem Glatzkopf eine haarsträubende Geschichte erzählen zu wollen. Im Übrigen erlaube ich mir darauf hinzuweisen, dass du, gestrenges Weib, der Objektivität in beklagenswertem Maße zu entraten scheinst. Denn was ich hier praktiziere, ist der Versuch, einer bedenklichen Entwicklung entgegenzuwirken, die schon so viel Unheil über die Menschheit gebracht hat. Hast du noch niemals darüber nachgedacht, wie unvernünftig es ist, dass die Menschen immer nur auf ihren Hinterbeinen herumlaufen, obwohl der vierbeinige Gang, also die wohltätige Zuhilfenahme unserer Arme, eine wesentlich stabilere, ja unfallfreiere Fortbewegung ermöglicht? Es gilt und es ist allerhöchste Zeit, diese Art des Schreitens neu zu beleben, um damit die Gefahren des Trippelns, Trottelns, Taumelns, Torkelns, Schlurfens und Stolperns mit einem Schlag aus der Welt zu schaffen. Ich, Hauenstein, habe beschlossen, diese Gehweise wieder einzuführen und zu neuen Ehren zu bringen. Wahrscheinlich wird sie die Gesellschaft revolutionieren, wenn man erst einmal ihre Möglichkeiten und Vorzüge erkannt hat.»

Mit dieser Drohung wandte er sich ab. Einen Augenblick lang war er sich noch seiner selbstgegebenen Mission und schließlich auch seiner köstlichen Müdigkeit bewusst. Dann streckte er sich auf der obersten Stufe aus und fühlte sich überaus glücklich in seinen Träumen.

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.

Kolumne >Juli 2010 I Juni I Mai I April I März I Februar I Januar 2010

Kolumnen 2009: Dezember I November I Oktober I September

August I Juli  Juni I Mai I April I März I Februar I Januar

Kolumnen 2008: Dezember I November I Oktober I September

August I Juli I Juni 2008

 

Ihre Meinung zu diesem Text ist gefragt:

redaktion@deutscher-buchmarkt.de

 

 

 
 
 

 

Ad personam

 

 

Dr. phil. Gerhard Fischer ist Chefredakteur eines Fachmagazins und Autor der Bestseller 'Das Ei des Damokles' sowie 'Die Weisheit der Binse',

 

beide verlegt bei PRINCIPAL