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Immerwährender Prolog
Hauenstein - ein Zeitgenosse,
der es in sich hat und sich nicht scheut, aus sich heraus zu gehen. Denn auf
Hauenstein trifft man nicht. Mit Hauenstein prallt man zusammen – eine
würdevolle Erscheinung von sympathischer Wohlbeleibtheit mit liebenswerten Ecken
und Kanten und nicht zuletzt ein überaus nüchterner, zuweilen bissiger
Plauderer, der mit der Gewitztheit eines Hofnarren seine Bosheiten von sich
gibt, Hauensteins Verlautbarungen sind keine Hirtenbriefe, die aufhorchen lassen
und an denen man sich aufrichten kann. Hauenstein bevorzugt vielmehr die
gebremste Normalität des Vernünftigen. Doch die unnachsichtige Beobachtung, die
er seiner Umgebung und seinen Mitmenschen antut, und seine illusionslose
Beurteilung der Welt und des Lebens sind durchaus dazu angetan, den einen oder
anderen Zeitgenossen zur Nachdenklichkeit zu verführen. Ihnen sind schließlich
auch jene Ansichten und Einsichten zu danken, die hier in zwangloser Folge
erscheinen werden: hintergründige Intermezzi, Geschichten des Augenblicks -
Kurzromane, wie sie das Leben diktiert.
Unfallfrei
Dass ihm seine Liebe zum Wein
das Leben oft schwer machte, nahm Hauenstein gelassen. Denn der Trost, den er im
Glas fand, entschädigte ihn allemal für jedes Ungemach. Als er nachhause kam,
zog er mit artigem Gruß den Hut vor der alten Standuhr, die in der Diele ächzte,
stöhnte, fauchte und dann drei Schläge tat. Danach wandte er sich mit dem
schweren Schritt eines Bären, der vom Honig weiß und ihn nicht finden kann, der
Treppe zu. Dort ließ er sich auf alle Viere nieder und erklomm, leise vor sich
hinträllernd, Stufe um Stufe, bedächtig wie eine heilige Schildkröte.
«Schon wieder bist du
betrunken!» keifte seine Frau in festgefrorener Missbilligung. Sie holte Luft,
um ihr Plädoyer fortzusetzen, aber ihre Lamentationen gingen vorzeitig in einem
heftigen Schluckauf unter – und dieser Schluckauf war offensichtlich das einzige
Hemmnis, das nachdrücklich genug zu sein schien, ihre überströmende Entrüstung
einzudämmen.
Hauenstein hob wehrend die Hand.
Und mit der Weitschweifigkeit der Betrunkenen dozierte er seine Rechtfertigung:
«Auch wenn dieser Vorwurf in
penetranter Regelmäßigkeit vorgetragen wird, ändert das nichts an der Torheit
derer, die ihn erheben! Deine Vorhaltungen sind ebenso unergiebig wie das
zweifelhafte Bemühen, einem Glatzkopf eine haarsträubende Geschichte erzählen zu
wollen. Im Übrigen erlaube ich mir darauf hinzuweisen, dass du, gestrenges Weib,
der Objektivität in beklagenswertem Maße zu entraten scheinst. Denn was ich hier
praktiziere, ist der Versuch, einer bedenklichen Entwicklung entgegenzuwirken,
die schon so viel Unheil über die Menschheit gebracht hat. Hast du noch niemals
darüber nachgedacht, wie unvernünftig es ist, dass die Menschen immer nur auf
ihren Hinterbeinen herumlaufen, obwohl der vierbeinige Gang, also die wohltätige
Zuhilfenahme unserer Arme, eine wesentlich stabilere, ja unfallfreiere
Fortbewegung ermöglicht? Es gilt und es ist allerhöchste Zeit, diese Art des
Schreitens neu zu beleben, um damit die Gefahren des Trippelns, Trottelns,
Taumelns, Torkelns, Schlurfens und Stolperns mit einem Schlag aus der Welt zu
schaffen. Ich, Hauenstein, habe beschlossen, diese Gehweise wieder einzuführen
und zu neuen Ehren zu bringen. Wahrscheinlich wird sie die Gesellschaft
revolutionieren, wenn man erst einmal ihre Möglichkeiten und Vorzüge erkannt
hat.»
Mit dieser Drohung wandte er
sich ab. Einen Augenblick lang war er sich noch seiner selbstgegebenen Mission
und schließlich auch seiner köstlichen Müdigkeit bewusst. Dann streckte er sich
auf der obersten Stufe aus und fühlte sich überaus glücklich in seinen Träumen.
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.
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