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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

HOMO HAUENSTEINENSIS

oder

 Paraphrasen des menschlichen Elends

 

 

 

 

 

 

 

  Ewiger Prolog

Hauenstein - ein Zeitgenosse, der es in sich hat und sich nicht scheut, aus sich heraus zu gehen. Denn auf Hauenstein trifft man nicht. Mit Hauenstein prallt man zusammen – eine würdevolle Erscheinung von sympathischer Wohlbeleibtheit mit liebenswerten Ecken und Kanten und nicht zuletzt ein überaus nüchterner, zuweilen bissiger Plauderer, der mit der Gewitztheit eines Hofnarren seine Bosheiten von sich gibt, Hauensteins Verlautbarungen sind keine Hirtenbriefe, die aufhorchen lassen und an denen man sich aufrichten kann. Hauenstein bevorzugt vielmehr die gebremste Normalität des Vernünftigen. Doch die unnachsichtige Beobachtung, die er seiner Umgebung und seinen Mitmenschen antut, und seine illusionslose Beurteilung der Welt und des Lebens sind durchaus dazu angetan, den einen oder anderen Zeitgenossen zur Nachdenklichkeit zu verführen. Ihnen sind schließlich auch jene Ansichten und Einsichten zu danken, die hier in zwangloser Folge erscheinen werden: hintergründige Intermezzi, Geschichten des Augenblicks - Kurzromane, wie sie das Leben diktiert.

 

Der Sinn des Lebens

Auf seine weltfremde Verträumtheit angesprochen, antwortete Herr Jeh, fast verschämt, doch ohne seinen schwermütigen Ausdruck aufzugeben:

«Ich suche den inneren Frieden.»

Seine Stirn zerteilte sich in Falten wie bei einem Menschen, der sich einem unlösbaren Rätsel gegenüber sieht.

«Ein mutiges Unterfangen», antwortete Hauenstein. Er war doch sehr erstaunt, dass sich Jeh so beherzt zu diesem Geständnis bekannte. Und irgendwie hatte er auch das Gefühl, dazu noch etwas sagen zu müssen, was Jeh in seinem Vorhaben bestärken sollte.

«Ein ehrenvolles Ziel, das Sie sich gesetzt haben.»

Hauenstein präsentierte die hoheitsvolle Miene eines Mannes, der gewöhnt ist, dass man ihm wichtige Geheimnisse anvertraut.

Jeh, überrascht von Hauensteins Interesse, nickte. Hoffnung lag auf seinen Zügen.

«Das wird, wie Sie wissen, für einen Atheisten nicht einfach sein.»

Hauenstein nickte seinerseits.

«Wahrscheinlich», sagte er und bedachte Jeh mit einem würdevollen Blick, der nur einen kleinen Anflug von Herablassung ahnen ließ.

«Nein, ganz sicher aber ist es bloß das Wort, das Sie ängstigt.

Der Friede, besonders der innere Friede, wird von den Gläubigen und der Geistlichkeit derart maßlos in Anspruch genommen, als verfügten sie seit eh und je über das alleinige Nutzungsrecht. Dieses Phänomen irritiert. Unwillkürlich verbindet man damit immer nur klerikale Anliegen und Versprechungen. Zumeist kommt dann noch die Seele ins Spiel. Und schon endet der gute Vorsatz in einer Befangenheit, die auch die beste Absicht zunichte macht.»

Jeh schluckte schwer. Seine ziemlich hervortretenden Augen hinter den dicken, entstellenden Gläsern verrieten unterdrückte Ungeduld.

«Die Worte», meinte Hauenstein weiter, «nachdem man sie weder gegen Gebrauch noch Missbrauch schützen kann, sind derart abgenutzt und ausgewaschen, dass man sie meiden sollte. Deshalb meine Empfehlung: Finden Sie dafür einen Ausgleich. Ein neutrales Synonym. Beispielsweise, wenn ich mir den Vorschlag erlauben darf, nennen Sie das, was Sie suchen, Sinn des Lebens. Oder emotionale Geborgenheit. Diese Begriffe sind zwar ebenso diffus, aber sie nehmen fürs erste die leidigen Attribute des Klerikalen aus dem Spiel. Kanzel, Kreuz und Kerze können von manchen lauteren Absichten ablenken.»

Jeh, noch bemüht, seine Gedanken zu sortieren, beugte sich vor, griff Hauensteins Hand und drückte sie, als gelte es, ein feierliches Gelöbnis zu bekräftigen..

«Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr Sie imstande sind, die Dinge auf den Punkt zu bringen.» Er sprach ganz langsam, wie jemand, der seine Vorfreude auskostet. «Ich will nicht vorschnell urteilen, aber irgendeine Ahnung, irgendein Gefühl sagt mir, dass Sie mir mit Ihrer Bemerkung bereits sehr viel weiter geholfen haben. Herzlichen Dank, lieber Herr Hauenstein. Herzlichen Dank.»

Hauenstein in seiner Reglosigkeit ähnelte dem provinziellen Standbild einer vergessenen Notabilität, dennoch wirkte er angenehm überrascht wie jemand, der eine Frage mit ruhigem Gewissen verneinen kann.

«Keine Ursache, Jeh. Es gibt überhaupt keinen Grund zur Dankbarkeit. Meine Empfehlung ist eher als Warnung gedacht.»

Hauensteins Abwehr war voreilig. Denn die Art, wie er um sich blickte und schließlich über seine dürftigen Strähnen strich, legte die Befürchtung nahe, dass er wieder einmal seiner gnadenlosen Gabe erlag, sich in die ornamentalen und fundamentalen Unwegsamkeiten seiner Gedanken zu verspielen.

«Oft», fuhr er fort, «macht man erst in seinem späteren Leben die ebenso aufregende wie erhellende Entdeckung, dass jeder Mensch das Recht hat, sich in die Tiefen seines individuellen Ichs zu versenken und alles von diesem Standpunkt aus neu zu beurteilen. Die meisten fühlen sich als Opfer ihres Schicksals. Umso erfreulicher ist es, jemandem zu begegnen, der sich diesem Phlegma widersetzt. Vielleicht», meinte er, «ist der Versuch, das menschliche Seelenleben rational zu erfassen, ein Widerspruch in sich. Trotzdem bemüht man sich immer wieder, mit der Erforschung der Neigungen und Triebe dem Eigentlichen und Wesentlichen auf den Grund zu gehen. Doch der Mensch verfügt seit langem nicht mehr über die Instinkte seiner Ahnen, die nötig sind, um seine Physis und Psyche in Übereinstimmung zu bringen. Die beständige Entfremdung von der Natur hat diese Funktionen seit Jahrtausenden verkümmern lassen. Deshalb sind wir auf die überlieferte Erfahrung unserer Vorvorderen und auf die Erziehung angewiesen, um in Verbindung mit unserem Verstand, so klein er auch immer sein mag, zu unserer Reise aus dem Nichtwissen aufzubrechen. Dass diese Expedition ins Ungewisse, wenn überhaupt, oft erst sehr spät und meistens erst lange, nachdem wir die Höhle des Mutterschoßes verlassen haben, gewagt wird, hat viele Gründe. Der beste und höchste und, sei's drum, vornehmste gehört zu den edelsten Geschenken, die uns der Schöpfer mitgegeben hat: die Gnade der Ungewissheit. Denn letztlich sind wir Menschen geheimnisvolle, auf eigenartige Weise tief verinnerlichte Wesen, die von ihrer Leiblichkeit zwar Gebrauch machen, die aber viel mehr als Leib und Körper sind. Schließlich erlauben es uns die geheimen Triebkräfte, mit denen uns die Natur ausgestattet hat, alles verwirklichen zu wollen, wozu wir gedanklich fähig sind. Diese göttlichen und teuflischen Fertigkeiten sind in der Lage, uns ebenso zum Pharisäer wie zum Samariter werden zu lassen. Die Totalität des menschlichen Individuums mit seinen körperlichen Empfindungen, seinen affektiven und intuitiven Kräften sowie seinen ideelichen und gefühlsmäßigen Reaktionen ist, von der Wirklichkeit bedrängt, unerbittlich.

Gehen wir auf die Suche nach uns selbst, zwingen uns Schicksal und Zufall, unsere abstrakten Vorstellungen mit unseren konkreten Erfahrungen in Übereinstimmung zu bringen. Dabei ist es gleichgültig, wie wir zu unseren Einsichten gelangen: durch rein methodisches Vorgehen, also durch die logische Methode, die vom Identitätsprinzip bestimmt wird; oder durch die dialektische Methode, die sich vom Prinzip des Widerspruchs leiten lässt; vielleicht durch die paradoxe, die dem Prinzip des Zusammenfalls der Gegensätze gehorcht. Auch die hierarchische, die sich am Ordnungsprinzip orientiert, wäre legitim. Ob man nun durch Logik, der man ja immer und grundsätzlich einen hohen Grad von Scharfsinn und Verstand unterstellt, durch Dialektik oder durch Paradoxa zu neuen Erkenntnissen kommt, oder ob sich die neuen Einsichten auf eine geradezu genialische Intuition zurückführen lassen: alles kann zutreffen — oder auf einem grundsätzlichen Irrtum beruhen. Schließlich ist die sinnliche Welt zur übersinnlichen reich an Analogien, die durchaus geeignet sind, uns nicht nur das Gleichnis oder die Metapher einprägsam zu illustrieren, sondern,als Menetekel sozusagen, auch den Anschein von Wahrheit einzuflüstern. Denn die Fähigkeit zur Analyse darf nicht mit bloßer Klugheit verwechselt werden. Die aufbauende und berechnende Kraft, wie unzählige Beispiele aus der Geschichte beweisen, ist oftmals nur auf Einseitigkeit und Engstirnigkeit zurückzuführen oder auf eine gewisse Beschränktheit, die am Verstand zweifeln lässt. Nicht selten wird dabei auch ausgesprochen fahrlässig die Rolle außer Acht gelassen, die der Zufall in der Ökonomie aller menschlichen Dinge, der zeitlichen und der ewigen, spielt. Dass durch diese Momente der Hellsichtigkeit, die man Zufall nennt, auch Dinge «entdeckt» werden, die so wunderbar und einmalig erscheinen, dass der Verstand sie nicht mehr für bloße Zufälle halten mag, sei lediglich aus Gründen der Vollständigkeit nicht unterschlagen. Um es noch einmal und mit Nachdruck herauszustellen: Ich meine jenen gesunden Menschenverstand, der an Dummheit grenzt; nicht den Verstand, der nur für das Unwesentliche taugt und schon gar nicht den Verstand, der sich zum Domestiken des Zeitgeistes degradiert. Ich setze auf die Vernunft, die innere Distanz, aus der heraus es uns ermöglicht wird, nicht nur die Dinge in Ruhe zu betrachten und zu bewerten, sondern uns selbst und unsere eigenen Beschränktheiten und Eitelkeiten zu erkennen.

Neue Ideen und neue Einsichten verwirren, weil man sie sich selbst nicht zutraut. Man muss sich mit ihnen anfreunden, ohne sich anzubiedern. Man muss sie verstehen lernen, um sie zu schätzen. Letzten Endes aber sollten wir uns immer vor Augen halten, dass das Leben eine Fülle von Geheimnissen birgt, die zu begreifen sich unser Verstand mit seiner begrenzten Auffassungsgabe nicht erhoffen darf.»

Man mag, dachte Hauenstein abschließend, von Herrn Jeh halten, was man will: seine Art, sich, wo immer er auch gezwungen ist, mit andere Leuten zusammenzutreffen, in den Hintergrund zu drängen, mag viele befremden. Was aber sagt schon seine staubgraue Miene, sein leidvoller Blick und sein stetes Bemühen, nicht gründlich genug übersehen zu werden? Was er von sich gibt, hat Hand und Fuß, so selten er sich auch dazu überwinden kann. Warum sollte ich nicht zugeben, mich in ihm getäuscht zu haben? Jeh ist durchaus ein Mensch, der meiner Achtung nicht unwürdig ist.»

 

 Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.

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Dr. phil. Gerhard Fischer ist Chefredakteur eines Fachmagazins und Autor der Bestseller 'Das Ei des Damokles' sowie 'Die Weisheit der Binse',

 

beide verlegt bei PRINCIPAL