_______________________________________________________________________

 

   

 

         

ANTIQUARIATE

 

 

___  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

___

 

ANTIQUARIATE

 

 

 

HOMO HAUENSTEINENSIS

oder

 Paraphrasen des menschlichen Elends

 

 

 

 

 

 

 

  Ewiger Prolog

Hauenstein - ein Zeitgenosse, der es in sich hat und sich nicht scheut, aus sich heraus zu gehen. Denn auf Hauenstein trifft man nicht. Mit Hauenstein prallt man zusammen – eine würdevolle Erscheinung von sympathischer Wohlbeleibtheit mit liebenswerten Ecken und Kanten und nicht zuletzt ein überaus nüchterner, zuweilen bissiger Plauderer, der mit der Gewitztheit eines Hofnarren seine Bosheiten von sich gibt, Hauensteins Verlautbarungen sind keine Hirtenbriefe, die aufhorchen lassen und an denen man sich aufrichten kann. Hauenstein bevorzugt vielmehr die gebremste Normalität des Vernünftigen. Doch die unnachsichtige Beobachtung, die er seiner Umgebung und seinen Mitmenschen antut, und seine illusionslose Beurteilung der Welt und des Lebens sind durchaus dazu angetan, den einen oder anderen Zeitgenossen zur Nachdenklichkeit zu verführen. Ihnen sind schließlich auch jene Ansichten und Einsichten zu danken, die hier in zwangloser Folge erscheinen werden: hintergründige Intermezzi, Geschichten des Augenblicks - Kurzromane, wie sie das Leben diktiert.

 

'Model'

 

«Jetzt», sagte Frau Hauenstein, und sie wirkte in ihrer mitfühlenden Art ausgesprochen erleichtert, «weiß ich auch, dass ich mir keine Sorgen mehr machen muss. Ich war schon oft in Versuchung, Frau Westenhoff darauf anzusprechen, weil mich der Zustand ihrer Tochter derart beunruhigt hat, dass es mir schwerfiel, so zu tun, als sei nichts zu befürchten»

Hauenstein nickte und bemühte sich, ein aufmerksames Gesicht zu machen, obwohl er nicht die geringste Ahnung hatte, um was oder um wen es ging. Sein universal gestimmtes Naturell ließ eine Spezialisierung nicht zu. Wahrscheinlich aber verriet ihn sein ausgiebiges Stirnrunzeln. Es vermittelte einen Eindruck, den man am ehesten noch als wohlwollendes Desinteresse bezeichnen konnte.

«Dir», knurrte seine Frau, darauf bedacht, dass kein anderer mithören konnte, «ist das alles natürlich nicht aufgefallen. Du», zischte sie, «hast dir auch nie darüber Gedanken...»

«Was, zum Teufel, willst du eigentlich?»

Die Gleichgültigkeit in der Stimme hätte man ebenso als beherrschte Missbilligung wie für nur mühsam unterdrückten Widerwillen nehmen können.

Sie schob vielsagend das Kinn vor, um wortlos die Richtung anzudeuten. «Westenhoffs Tochter», flüsterte sie.

Hauenstein hob den Kopf wie ein Kavalleriepferd, das ein Schlachtfeld wittert.

Die junge Dame, die zusammen mit ihren Eltern die Gäste begrüßte, ein winddürres Geschöpf, trug eine bleichsüchtige Majestät zur Schau. Offensichtlich versuchte sie, mit ihrem Aussehen es der kunstvollen Schlichtheit der Lilie gleichzutun und schien ernsthaft entschlossen, jene Herablassung distinguierter Weiblichkeit zu entwickeln, die sich zwanghaft bemüht, in hochnäsiger Unbekümmertheit und schmallippigem Stolz eine gehörige Distanz zwischen sich und ihrer Mitwelt zu etablieren. Trotz ihrer ausdruckslosen Miene hätte man sie wohl kaum als unansehnlich bezeichnen können. Eine junge Frau, fast noch ein Mädchen von hübscher Wohlgeratenheit, die landläufig, aber fälschlicherweise für Schönheit gehalten wird. Was allerdings befremdend auffiel, waren die von ihrer Magerkeit kaum verdeckten Knochen und ihre bleierne Blässe.

«Sie ist so dünn», dachte Hauenstein, «dass sie sich einen Schatten mieten muss.» Laut aber meinte er: «Beängstigend. Die junge Dame gehört, wie man sieht, zu den zahlreichen Zeitgenossen, die einem leid tun können, ohne dass sie ahnen, wie sehr man sich um sie sorgt.»

«Keineswegs», flüsterte seine Frau. «Sie will, wie ich soeben erfahren habe, Model werden und bereitet sich figürlich auf ihre Zukunft vor.» Sie legte eine bedeutungsvolle Pause ein. «Und ich», fuhr sie fort, «in meiner Naivität hatte immer befürchtet, dass sie an Magersucht leide.»

Hauenstein, irritiert, schwieg.

Nicht gerade unauffällig und mit der tiefsinnigen Miene, die Sachverständige bei Weinproben an den Tag legen, versank er in die Betrachtung der jungen Dame, die angesichts ihrer knochigen Langgliedrigkeit beinahe auf nichts saß. Es gibt eben, dachte er, offenbar eine Schönheit, die uns nicht mehr berührt.

Model, dachte er. Model, das ist die neudeutsche Bezeichnung für jene farblosen, ausgehungerten Spukgestalten aus der Modeindustrie, die sich in ihrer lächerlichen Aufgedonnertheit und affektierten Blasiertheit vergeblich bemühen, die Nachfolge der früheren Mannequins anzutreten. Nun ja, Mannequin ist ein angesehener Beruf, obwohl sich die meisten von ihnen nur einbilden, schöner zu sein, als sie aussehen, wenn sie wie blasse Heilige mit abweisender Miene und unbewegter, tiefgekühlter Eleganz streichholzbeinig in ihrem verqueren Gang vor den fetten und geldprotzigen Matronen paradieren – jammervolle hässliche Entlein, die es nie zum Schwan bringen werden. Sie tragen geradezu geschäftsschädigende Gesichter zur Schau, statt sympathisch und verbindlich ihre Kundinnen zu umwerben.

«Ein eigenartiger Berufswunsch», sagte Hauenstein. «Und ein gefährlicher dazu.»

Noch einmal fasste er Westenhoffs Tochter ins Auge.

«Sie wird», sagte er, «einmal große Schwierigkeiten haben ‑ bei der Wiederauferstehung des Fleisches.»

 

 Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.

>Januar 2009

Kolumnen 2008: Dezember I November I Oktober I September

August I Juli I Juni 2008

 

Ihre Meinung zu diesem Text ist gefragt:

redaktion@deutscher-buchmarkt.de

 

 

 
 
 

 

Ad personam

 

 

Dr. phil. Gerhard Fischer ist Chefredakteur eines Fachmagazins und Autor der Bestseller 'Das Ei des Damokles' sowie 'Die Weisheit der Binse',

 

beide verlegt bei PRINCIPAL