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Ewiger
Prolog
Hauenstein - ein Zeitgenosse,
der es in sich hat und sich nicht scheut, aus sich heraus zu gehen. Denn auf
Hauenstein trifft man nicht. Mit Hauenstein prallt man zusammen – eine
würdevolle Erscheinung von sympathischer Wohlbeleibtheit mit liebenswerten Ecken
und Kanten und nicht zuletzt ein überaus nüchterner, zuweilen bissiger
Plauderer, der mit der Gewitztheit eines Hofnarren seine Bosheiten von sich
gibt, Hauensteins Verlautbarungen sind keine Hirtenbriefe, die aufhorchen lassen
und an denen man sich aufrichten kann. Hauenstein bevorzugt vielmehr die
gebremste Normalität des Vernünftigen. Doch die unnachsichtige Beobachtung, die
er seiner Umgebung und seinen Mitmenschen antut, und seine illusionslose
Beurteilung der Welt und des Lebens sind durchaus dazu angetan, den einen oder
anderen Zeitgenossen zur Nachdenklichkeit zu verführen. Ihnen sind schließlich
auch jene Ansichten und Einsichten zu danken, die hier in zwangloser Folge
erscheinen werden: hintergründige Intermezzi, Geschichten des Augenblicks -
Kurzromane, wie sie das Leben diktiert.
'Model'
«Jetzt», sagte Frau
Hauenstein, und sie wirkte in ihrer mitfühlenden Art ausgesprochen erleichtert,
«weiß ich auch, dass ich mir keine Sorgen mehr machen muss. Ich war schon oft in
Versuchung, Frau Westenhoff darauf anzusprechen, weil mich der Zustand ihrer
Tochter derart beunruhigt hat, dass es mir schwerfiel, so zu tun, als sei nichts
zu befürchten»
Hauenstein nickte und bemühte
sich, ein aufmerksames Gesicht zu machen, obwohl er nicht die geringste Ahnung
hatte, um was oder um wen es ging. Sein universal gestimmtes Naturell ließ eine
Spezialisierung nicht zu. Wahrscheinlich aber verriet ihn sein ausgiebiges
Stirnrunzeln. Es vermittelte einen Eindruck, den man am ehesten noch als
wohlwollendes Desinteresse bezeichnen konnte.
«Dir», knurrte seine Frau,
darauf bedacht, dass kein anderer mithören konnte, «ist das alles natürlich
nicht aufgefallen. Du», zischte sie, «hast dir auch nie darüber Gedanken...»
«Was, zum Teufel, willst du
eigentlich?»
Die Gleichgültigkeit in der
Stimme hätte man ebenso als beherrschte Missbilligung wie für nur mühsam
unterdrückten Widerwillen nehmen können.
Sie schob vielsagend das Kinn
vor, um wortlos die Richtung anzudeuten. «Westenhoffs Tochter», flüsterte sie.
Hauenstein hob den Kopf wie
ein Kavalleriepferd, das ein Schlachtfeld wittert.
Die junge Dame, die zusammen
mit ihren Eltern die Gäste begrüßte, ein winddürres Geschöpf, trug eine
bleichsüchtige Majestät zur Schau. Offensichtlich versuchte sie, mit ihrem
Aussehen es der kunstvollen Schlichtheit der Lilie gleichzutun und schien
ernsthaft entschlossen, jene Herablassung distinguierter Weiblichkeit zu
entwickeln, die sich zwanghaft bemüht, in hochnäsiger Unbekümmertheit und
schmallippigem Stolz eine gehörige Distanz zwischen sich und ihrer Mitwelt zu
etablieren. Trotz ihrer ausdruckslosen Miene hätte man sie wohl kaum als
unansehnlich bezeichnen können. Eine junge Frau, fast noch ein Mädchen von
hübscher Wohlgeratenheit, die landläufig, aber fälschlicherweise für Schönheit
gehalten wird. Was allerdings befremdend auffiel, waren die von ihrer Magerkeit
kaum verdeckten Knochen und ihre bleierne Blässe.
«Sie ist so dünn», dachte
Hauenstein, «dass sie sich einen Schatten mieten muss.» Laut aber meinte er:
«Beängstigend. Die junge Dame gehört, wie man sieht, zu den zahlreichen
Zeitgenossen, die einem leid tun können, ohne dass sie ahnen, wie sehr man sich
um sie sorgt.»
«Keineswegs», flüsterte seine
Frau. «Sie will, wie ich soeben erfahren habe, Model werden und bereitet sich
figürlich auf ihre Zukunft vor.» Sie legte eine bedeutungsvolle Pause ein. «Und
ich», fuhr sie fort, «in meiner Naivität hatte immer befürchtet, dass sie an
Magersucht leide.»
Hauenstein, irritiert,
schwieg.
Nicht gerade unauffällig und
mit der tiefsinnigen Miene, die Sachverständige bei Weinproben an den Tag legen,
versank er in die Betrachtung der jungen Dame, die angesichts ihrer knochigen
Langgliedrigkeit beinahe auf nichts saß. Es gibt eben, dachte er, offenbar eine
Schönheit, die uns nicht mehr berührt.
Model, dachte er. Model, das
ist die neudeutsche Bezeichnung für jene farblosen, ausgehungerten Spukgestalten
aus der Modeindustrie, die sich in ihrer lächerlichen Aufgedonnertheit und
affektierten Blasiertheit vergeblich bemühen, die Nachfolge der früheren
Mannequins anzutreten. Nun ja, Mannequin ist ein angesehener Beruf, obwohl sich
die meisten von ihnen nur einbilden, schöner zu sein, als sie aussehen, wenn sie
wie blasse Heilige mit abweisender Miene und unbewegter, tiefgekühlter Eleganz
streichholzbeinig in ihrem verqueren Gang vor den fetten und geldprotzigen
Matronen paradieren – jammervolle hässliche Entlein, die es nie zum Schwan
bringen werden. Sie tragen geradezu geschäftsschädigende Gesichter zur Schau,
statt sympathisch und verbindlich ihre Kundinnen zu umwerben.
«Ein eigenartiger
Berufswunsch», sagte Hauenstein. «Und ein gefährlicher dazu.»
Noch einmal fasste er
Westenhoffs Tochter ins Auge.
«Sie wird», sagte er, «einmal
große Schwierigkeiten haben ‑ bei der Wiederauferstehung des Fleisches.»
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.
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