|
|
Ewiger
Prolog
Hauenstein - ein Zeitgenosse,
der es in sich hat und sich nicht scheut, aus sich heraus zu gehen. Denn auf
Hauenstein trifft man nicht. Mit Hauenstein prallt man zusammen – eine
würdevolle Erscheinung von sympathischer Wohlbeleibtheit mit liebenswerten Ecken
und Kanten und nicht zuletzt ein überaus nüchterner, zuweilen bissiger
Plauderer, der mit der Gewitztheit eines Hofnarren seine Bosheiten von sich
gibt, Hauensteins Verlautbarungen sind keine Hirtenbriefe, die aufhorchen lassen
und an denen man sich aufrichten kann. Hauenstein bevorzugt vielmehr die
gebremste Normalität des Vernünftigen. Doch die unnachsichtige Beobachtung, die
er seiner Umgebung und seinen Mitmenschen antut, und seine illusionslose
Beurteilung der Welt und des Lebens sind durchaus dazu angetan, den einen oder
anderen Zeitgenossen zur Nachdenklichkeit zu verführen. Ihnen sind schließlich
auch jene Ansichten und Einsichten zu danken, die hier in zwangloser Folge
erscheinen werden: hintergründige Intermezzi, Geschichten des Augenblicks -
Kurzromane, wie sie das Leben diktiert.
«Überall», sagte Pfarrer Gutknecht, «ist der
Teufel am Werk. Überall lauert das Böse.»
Sein Blick ließ etwas von der gewohnten
Offenheit vermissen.
«Was, um Himmelswillen, bringt Sie so
durcheinander, Herr Pfarrer? Ist es die kosmopolitische Allgewalt Satans, die
Sie derart erzürnt, oder das kleine Ungemach und die alltäglichen Ärgernisse,
die jedem von uns das Leben schwermachen und die man sooft als Schicksal
bezeichnet?»
Gutknecht zuckte die Achseln hoch.
«Meine Schweigeverpflichtung», sagte er
kleinlaut, «hält mich davon ab, mich darüber in Einzelheiten zu verbreiten.»
Hauenstein knurrte verdrossen.
«Wie Ihre Geistlichkeit meinen», erwiderte
er. «Erlauben Sie mir jedoch die Bemerkung, dass Ihre Erkenntnis, was den Teufel
angeht, für einen Kirchenmann weder neu noch originell ist. Anklagend
vielleicht. Möglicherweise auch herausfordernd. Insgesamt aber sollte man sie,
selbst für das Verständnis des Laien, als bekannt voraussetzen dürfen. Der
Teufel, nun ja, ist ein kecker Geselle. Ein Tausendsasa eben. So hinterlistig
allerdings, wie Sie ihn darstellen, scheint er mir nicht. Ich bin vielmehr der
Meinung, dass man ihn doch so rechtzeitig wahrnehmen müsste, um gewarnt zu sein.
Er soll ja, wie es heißt, nach Schwefel riechen. Ein durchaus ernstzunehmender,
penetranter Geruch.»
Es war, als scheute Gutknecht mit finsterem
Widerwillen vor Hauenstein zurück.
«Sie machen sich lustig», sagte er dann. «Und
das, wie immer, auf Kosten anderer. Ihnen scheint überhaupt nichts heilig. Im
Gegenteil: Sie nehmen jede Gelegenheit wahr, um mit Ihrer ungezügelten
Spottsucht die achtbarsten Anliegen wegzuwischen.»
Hauenstein in seinem hoffnungslos vernagelten
Selbstgefallen reagierte mit geradezu übertriebener Gelassenheit:
«Sie verletzen meine Bescheidenheit,
verehrter Herr Pfarrer. Ich will nicht andauernd bejubelt werden. Dass mir aber
der Teufel nicht heilig ist, sollte Ihnen doch eine Genugtuung sein, nachdem
gerade Sie es sind, der stets und ständig meine himmlischen Zweifel beklagt. Und
was den Umgang mit den Kosten betrifft, die andere aufzubringen haben: Hier
könnte ich mir noch vieles aneignen, wofür die Kirche ein treffliches Vorbild
abgibt.»
Er sah erwartungsvoll den Geistlichen an. Der
aber blieb ungerührt still.
«Der bocksfüßige Teufel», fuhr Hauenstein
fort, «ist für mich eine durchaus reizvolle Figur. Allein schon die Tatsache,
wie mannhaft er sich gegen den Allerhöchsten behauptet – und das von Anfang an
-, sollte zu denken geben. Nennen Sie mir, lieber Freund, eine einzige Figur der
Sage, der Geschichte, der Tradition oder was immer auch in dieser Beziehung zu
Gebote steht: Wer anders als just dieser Streiter und Leugner verdient die
Auszeichnung, sich nimmermüd gegen die Front derer zu behaupten, die ihn seit eh
und je mit göttlichem Beistand und, mehr oder minder leidenschaftlich,
menschlicher Vehemenz hassen, bekämpfen oder verleumden? Der Teufel jedenfalls
bleibt seinem Anliegen treu und nicht nur das: Er hat den Großmut, offen und
frei zu bekennen, worin dieses Anliegen besteht. Er warnt sogar, indem er sich
zu seiner Gegnerschaft bekennt, was man von Ihrem Herrgott wohl schwerlich
behaupten kann. Der ist in vielen Fällen äußerst wankelmütig, unberechenbar
sogar, indem er seine Gläubigen verwirrt und ratlos macht, um ihre Gesinnung zu
prüfen. Satan ist da viel freier. Viel offener. Viel ehrlicher auch, wenngleich
ich weiß, dass Ihnen diese Ansicht sehr missfällt. Mit einem Wort: ein
Teufelskerl. Ein wackerer Geselle, der wie kein anderer ein Recht darauf hat,
als groß und mächtig anerkannt – und sei’s drum: gefürchtet - zu werden. Ob man
ihn deshalb auch bewundern soll, steht auf einem andern Blatt und ist von vielen
Faktoren abhängig, die weit über das religiöse Engagement hinausgehen.»
Mit einem Seitenblick versuchte Hauenstein,
sich zu vergewissern, wie der Kirchenmann reagierte.
Pfarrer Gutknecht, nachdem er schweratmend
und mit verächtlichem Schweigen zugehört hatte, hob die Arme, beschwörend und
mit bischöflicher Gestik:
«Sie werden bösartig, Hauenstein.
Blasphemisch. Es tut mir leid, Sie mit meiner unüberlegten Bemerkung provoziert
zu haben». Und weiter, fast lauernd: «Sollten Sie gar ein Teufelsanbeter sein?»
Hauenstein lachte ziemlich verärgert.
«Ich weiß nicht, wie ich diese Bezichtigung
verstehen soll, denn verbales Ungenügen will ich Ihnen nicht unterstellen.
Geschmacklos ist sie in jedem Fall. Dazu kennen Sie mich viel zu gut, um hier
auf meine Absolution zu spekulieren.»
Gutknecht, leicht errötend und, wie es
schien, zögernd und zerknirscht gegen sich selbst, packte seinen ganzen Mut
zusammen:
«Ich nehme meine Äußerung zurück. Sie haben
recht. Ich habe mich gehen lassen. Aber Ihre Provokationen sind ja auch derart,
dass man sich zwangsläufig und zum eigenen Bedauern zu Behauptungen hinreißen
lässt, die Sie offenbar hören wollen. Bleiben wir dabei: Der Teufel ist groß und
mächtig. Der Widersacher des Göttlichen und Menschlichen. Dass diese Macht und
Größe jedoch gefährlich sind und uns Sterblichen den unheiligsten Widrigkeiten
aussetzt, sollen und müssen wir nie außeracht lassen, wobei wir in unserer
Unzulänglichkeit glücklicherweise auf den göttlichen Beistand hoffen dürfen.»
Hauenstein mit halsstarriger Verbohrtheit
blieb unbeirrt:
«Meine Argumente mögen brüskieren.
Kampfansagen sind sie nicht. Ich pflege sie und vertraue ihnen, weil es zu den
schweren Dingen des Leichten gehört, sich Gehör zu verschaffen und die Dinge, an
denen mir gelegen ist, so ins rechte Licht zu setzen, dass man auch hinter die
Schatten sieht.
Satan ist, wie Sie eingangs richtig bemerkt
haben: Überall. Wäre es da nicht an der Zeit, nach Mitteln und Wegen zu suchen,
um sich vielleicht mit ihm zu arrangieren und zu einer Abkehr vom Bösen, ja zum
Guten zu bewegen? Wie beispielsweise würde er sich verhalten, wenn man ihm mit
Liebe begegnete? Würde er Gutes, das man ihm entgegenbringt, mit Gutem
vergelten? Interessante Fragen, über die man durchaus einmal nachdenken sollte.»
Gutknecht fuhr auf. Wutrot und sichtlich
überwältigt von seinen Gefühlen ließ er seinem apokalyptischen Zorn freien Lauf.
Hauenstein hatte die Grenzen übelster Höflichkeit überschritten.
«Jede Schlechtigkeit und Schändlichkeit,
jedes Übel und jedes Laster», fauchte er, «hat eine einzige Wurzel: den Teufel.
Denn er weiß alles, sieht alles, kennt alles, was schlecht und böse ist um den
gutgläubigen Menschen, ob er nun im Besitz einer Seele ist oder nicht, ins
Verderben zu stürzen. Er ist der Herr und Herrscher alles Bösen.»
Hauenstein lauschte mit schiefgelegtem Kopf.
«So einfach, Hochwürden, kann man das wohl
auch nicht sehen. Gewiss: Landläufig haben Sie recht. Aber im Speziellen! Satan
jedenfalls hat seinen eigenen Sohn nicht umbringen lassen.»
Er hielt kurz inner. Dann, mit eindringlicher
Miene, fügte er hinzu:
«Nicht immer sollte man den Teufel belangen.
Für manche Lässlichkeit reicht oft ein kleines Teufelchen aus, über die er
offenbar zuhauf gebietet. Schließlich und nicht ohne Grund nennt man ihn den
Herrn der dunklen Scharen. Auch der Herrgott hat seine Engel. Aber bleiben wir
dabei: Sie behaupten, Satan sei überall. Ich kann Ihnen sagen, wo er meistens zu
finden ist. Der Teufel hat die Hölle aufgegeben. Entweder sitzt er uns im
Nacken, oder, wie allgemein behauptet wird, im Detail.»
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.
>Februar 2009 I
Januar
Kolumnen 2008:
Dezember I
November I
Oktober I
September
August I
Juli I
Juni 2008
Ihre Meinung zu diesem Text ist
gefragt:
redaktion@deutscher-buchmarkt.de
|
|