|
Was, um alles in der Welt, ist ein
gutes Buch?
Da findet man in der Zeitung das Bild eines
Menschen, der, weil er seine geschätzte Beschäftigung als Mime, Sportler,
Manager oder Politiker aus Altersgründen aufgegeben hat, vom Redakteur der
Lokalzeitung interviewt wurde. Die Fragen, unabhängig von Profession und
Meriten, sind immer die gleichen: Wie er sich denn nun, nach all den
verdienstvollen Jahren und Jahrzehnten im sprichwörtlich originell
formulierten Unruhestand die Zeit vertreibe? Womit er denn jetzt seinem
neuen Leben, dem sooft beschworenen dritten Abschnitt seines Lebens, Inhalt
gebe?
Auch die Antworten sind immer die gleichen:
Man tue dies und lasse jenes. Und dann, unvermeidlich, um die Unversehrtheit des
gereiften Geistes ins rechte Licht zu rücken, das Bekenntnis, nun komme man
endlich auch dazu, ein gutes Buch zu lesen. Dass dieses Geständnis einer
in all den Jahren und Jahrzehnten geübten Enthaltsamkeit nicht gerade
Bewunderung auslöst, wird ebenso wenig bedacht wie die unprofessionelle
Genügsamkeit des Journalisten, der nicht nur sich selbst, sondern auch seinen
Lesern versagt, nachzufragen, auf welchen Autor und Titel sich dieses
lesefreudige Bekenntnis bezieht.
Denn was, um alles in der Welt, ist ein gutes
Buch? Und woran kann man ein gutes Buch erkennen, wenn man es noch gar
nicht gelesen hat? Am Umfang? An der Typographie? An der Aufmachung? Orientiert
man sich vor dem Erwerb oder der Ausleihe vielleicht an den Bestseller-Listen
der Medien? Oder an den sogenannten Rezensionen, die regelmäßig in den
Feuilletons den Leser irritieren? Aus diesen Texten darf man dann, ganz
allgemein, zur Kenntnis nehmen, dass es dem renommierten Autor mit seinem neuen
Buch wieder einmal gelungen ist, sich selbst zu übertreffen - durch seinen
markanten Stil, durch die ausgewogene Thematik und originelle Problematik, durch
eigenwillige Pointen und faszinierende Aperçus. Kurzum: ein wie nicht anders zu
erwarten geniales Werk, dem Markt und Leser mit gezügelter Neugier und Ungeduld
seit halben und ganzen Jahren entgegengefiebert haben. In diesen Dreispaltern
erfährt man dann, dass sich der begnadete Autor nicht gescheut hat, Anleihen an
der Urfassung des Nibelungenlieds zu nehmen, oder dass er, wie es einem so
hochgeehrten Autor durchaus zustehe, in seiner neuen Kreation, obwohl Roman,
nicht unwesentliche Intuitionen aus dem Frühwerk der spätpubertierenden
Friederike Kempner elegant anklingen lässt, überraschende Effekte und Momente
der Reflexion und Besinnung, um der galoppierenden Handlung maßvolle Komik zu
verleihen. Zumeist wird dann noch auf das Jubiläum einer geachteten
Persönlichkeit aus den vergangenen Jahrtausenden Bezug genommen, der man, weil
die Daten von Geburt oder Verschied kalendarisch ausgewiesen sind, just in
diesen Tagen gedenkt. Und da der pflichtbewusste Kulturredakteur dafür ohnehin
einige Seiten aus den Werken dieser Berühmtheit quergelesen hat, bietet sich
diese Sprachform geradezu an, um sich mit ein paar klangvollen Zitaten als
brillanten Kenner auszuweisen. Vom Inhalt des neuen Buchs allerdings erfährt der
Leser nichts. Weder Zeit noch Ort noch Handlung.
Fazit: Ratlosigkeit auf ganzer Linie. Bleibt
nur die Frage: Gibt es da überhaupt allgemein verbindliche Kriterien? Oder
sollte man sich nach der Definition der UNESCO ausrichten, die, wortwörtlich,
behauptet: „Bücher sind nicht periodische Publikationen mit einem Umfang von 49
Seiten oder mehr.“
Selbst Leute, die sich ganz allgemein und
unabhängig vom derzeit gelebten Alter für Literatur interessieren, sind
überfragt.
Kant schrieb 1784: „Es ist so bequem,
unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat... so brauche ich
mich ja nicht selbst zu bemühen.“
Dass dafür in vielen Fällen und in unseren
Tagen ein Parteibuch genügt, hätte den Philosophen gewiss sehr verwundert.
Bücher sind Drucksachen
Warnung: Lesen heißt auch Lebenszeit
opfern
Einer der
folgenschwersten Druckfehler: das Buch überhaupt zu drucken.
Für manches Buch ist es ein Glück, dass der
Nachdruck verboten ist.
Übrigens: Gutenberg hat nicht nur die
Drucktechnik, sondern auch den Druckfehler erfunden.
Kritik: Die Schwäche des Buches liegt nicht
in der Anzahl seiner Seiten, sondern in seiner Einseitigkeit.
Ein Roman wie ein Schwert: lang und flach.
Reiselektüre: ein Buch, das man in einem Zug
durchliest.
Das Risiko beim Lesen: dass man sich eine
eigene Meinung bildet.
Manche Bücher kann man nur einem beschränkten
Leserkreis anbieten.
Der Irrtum des Lesers unterstellt
leichtfertig, dass ein Buch mir derselben Gewissenhaftigkeit geschrieben wurde
wie er es liest.
Bücherwurm? Leseratte? - einfach degoutant.
Buchweizen trägt keine Lesefrüchte.
Erato ist die Muse der lyrischen Dichtung -
nicht die Schutzpatronin der Korrektoren.
Viele vergilbte Bücher stammen von
verblichenen Dichtern.
Papier ist geduldig. Es lässt sich sogar
binden.
Vom Blickpunkt des Buchhändlers aus ist die
Bibel ein Dauerbrenner.
Dichter schöpfen aus dem Spirituellen oder
aus Spirituosen.
Es kommt nicht nur darauf an, dass man von
der Muße geküsst wird. Wichtig ist auch wohin.
Es gibt Gedichte, auf die man sich keinen
Vers machen kann.
Wer kann
sich schon auf die Achillesferse einen Reim machen?
Ein ungedruckter Dichter wirkt gedrückt.
Die einen schreiben Satiren, die andern
machen sich lächerlich.
Was die Verlage publizieren, macht neugierig
auf das, was sie zurückweisen.
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.
Kolumne 2011 >September
I
August
I
Juli
I
Juni
I
Mai
I
April
I
März
I
Februar
I
Januar
Kolumnen 2010:
Dezember I
November I
Oktober I
September I
August
I
Juli I
Juni I
Mai I
April I
März I
Februar I
Januar
Kolumnen 2009:
Dezember I
November I
Oktober I
September
August I
Juli Juni I
Mai I April I
März I
Februar I
Januar
Kolumnen 2008:
Dezember I
November I
Oktober I
September
August I
Juli I
Juni 2008
Ihre Meinung zu diesem Text ist
gefragt:
redaktion@deutscher-buchmarkt.de
|