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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

EX HYBRIS

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu Recht gemacht

Vom Unnötigen zum Unsinnigen

 

Was man uns Deutschen von Seiten der Sprachreformer durch Neudeutsch, Neusprech und Neuschreib zumutet, ist aller Hand. Aus diesem Grund gilt es, Haltung zu bewahren. Und zwar: Zurückhaltung. All zu viele Haltungsschäden drohen. 

Offen bleibt die Frage, ob diese sprachpflegerischen Bemühungen alternativlos sind. Hilfreich und zielführend, so die Einsicht der Kanzlerin (der Kanzler-/Innen-Ein Sicht), seien sie nicht. Besten Falls Irr itierend.

Verein fachend auch, wie Beispiels Weise die General-Vokabel Hallo dar tut. Sie steht für alte Rede Wendungen wie: Guten Tag. Guten Morgen. Guten Abend. Nett (schön/gut/erfreulich/überraschend), Sie/dich zu treffen? Wie geht’s? (dir?/Ihnen?) 

Überhaupt: das Vorher und Nachher, das Einst und Jetzt. Und ganz besonders: das Wie lange noch?

War man früher erfreut, beglückt, so hat man heute Spaß. Coolen, geilen Spaß.

Früher spielte der Mime den Faust. Heute gibt er ihn.

Was früher Sinn hatte, muss heute erst Sinn machen.

Früher war man noch in der Lage, eine Tatsache zu begreifen, zu verstehen. Heute will man sie, so fern sie sich einem erschließt, nach vollziehen können. Und zwar nach haltig. 

Allein die Frage, was besser, was schlechter, was einfacher oder komplizierter geworden ist, wenn man konkret davon aus geht, ist zwar wahnsinnig interessant, aber nicht einfach zu beantworten. Frau Hildegard Sieglinde Maierbeer-Hilsenbranndt-Wokener verwitwete Maierbeer- Hilsenbranndt, äußerte sich dazu in einer Talg-Runde sehr kryptisch, nachdem sie einräumen musste, nach elf Semestern Soziologie in diesen Belangen keine Fachfrau zu sein. Sie sehe, was sie sehr persönlich betreffe, auch keinen Anlass, hier die Leute an den Bildschirmen laienhaft zu zu texten, würde jedoch sagen, dass sich hier fest zu legen nicht nur aus gesprochen schwierig sei, sondern total nervend, weil in dieser Gegensätzlichkeit sich wahrsinnig viele Emotionen kaschieren. Wahrscheinlich müsse man diese Thematik vom Standpunkt des Betrachters aus beobachten, um hier eine Beurteilung finden und einige Andeutungen wagen zu können. Herr cand. med. Georg M. Schneider, aufgrund seiner Jugend dazu gebeten, sich an der Expertendiskussion zu beteiligen, pflichtete ihr, eine hinreichend durchschaubare Kompelexität insinuierend, bei. 

Auch das leidige Problem der unnötigen Duplizitäten wurde erörtert: Doppelt gemoppelt, wie Frau Maierbeer-Hilsenbranndt-Wokener mit maliziösem Lächeln verbalisierte. Sie lege, wie sie hinzu fügte, persönlich besonderen Wert auf die neunsilbige Ansprache ihres Namens. Deshalb habe sie auch keine Scheu vor der Anhäufung von Neuerungen, die von so vielen uneinsichtigen Mitbürgern beklagt werden. Sie gehe viel mehr davon aus, dass es in erster Linie wichtig sei, auf Augenhöhe zu diskutieren, um besser verstanden zu werden. Offenbar lag ihr als körperlich zu kurz Geratener der sportliche Aspekt und die gymnastische Verbalisierung der Standpunkte sehr am Herzen. 

Mit ihrem angedeuteten Ausgang gab die doppeltbindegestrichene Dame zu erkennen, dass sie der bewundernswerten Ausdrucksvielfalt der deutschen Sprache weder mächtig sei noch von den ihr verbliebenen Resten Gebrauch zu machen gedenke. Als man sie darauf ansprach, zuckte sie die Schultern hoch. Was heiße: annehmen, denken, erachten, glauben, meinen, schätzen, unterstellen, vermuten, vorstellen? Eine derartige Sprachwut sei doch wahnsinnig umständlich und nicht mehr zeitgemäß. Wie einfach dagegen lasse sich das Davonausgehen Hand haben! Ich gehe davon aus sei einfach geil. 

Um auf die unnötige Verdoppelung zurückzukommen, so der Moderator, und die Worte alphabetisch auseinander zu dividieren - darin liege ein positiver Vorteil - seien folgende Begriffe angesagt:

Was halten Sie von Bauchnabel? - gibt es überhaupt einen anderen?

Von Endergebnis? Von Rückantwort, Rückbesinnung, Rückerinnerung? Von Vorahnung, Vorankündigung, Vorentwurf, Vorreservierung? 

Das aber seien zwar nicht die einzigsten Doppelungen. Sie hätten auf Grund ihrer Häufigkeit nur an dieser Stelle erste Priorität.

«Ich persönlich», sagte Frau Maierbeer-Hilsenbranndt-Wokener, «lege Wert darauf, mir etwas mit meinen eigenen Augen bildlich vorstellen zu können. Und Bauchnabel ist nun mal geil.» Sie war sehr daran interessiert, dieses bei Spiel als Scherz verstanden zu wissen, und fügte deshalb, hämischen Einwänden vorausplanend, hinzu, dass man zwar auch vom Nabel der Welt spreche, den aber bisher keiner gesehen habe. Aus diesem Grund sei die Frage für sie bockmäßig unnötig. «Für mich hat und bleibt der Bauchnabel der bevorzugte Favorit.» Es sei an der Zeit, sich auf konkrete Dinge zurück zu erinnern. Denn Zurückbesinnung und pointierte Zuspitzung schienen ihr unbedingt erforderlich, um Missverständnissen vorprogrammierend entgegen zu wirken. «Sie erinnern sich doch an die Demokratische Republik im Osten und wie unnachsichtig man in dieser Volksdemokratie bemüht war, den Menschen Macht aufzuoktroyieren? Die Folge war, dass die Leute weder anständig und in Freiheit und Übereinstimmung mit den Menschenrechten leben durften noch Geld hatten, um ihre Häuser neu renovieren zu können.» Soweit die geschichtlichen Reminiszenzen von Frau Maierbeer-Hilsenbranndt-Wokener an die dunkle Vergangenheit. 

Dass man die unbedachte Gegensätzlichkeit, mit der zwei sich widersprechender Begriffe in ein Kompositum zusammengefasst wurden, als Oxymoron bezeichnet, war der doppelt gestrichenen Dame ebenso wenig geläufig wie die humorigen Effekte, die sich mit diesen Additionsworten erzielen lassen. Sie hatte sich zwar, aufgeschlossen für Schlüsselerlebnisse, über die eigenwillige Adjektivierung des alten Junggesellen und des eingefleischten Vegetariers herzhaft amüsiert, die geilste Verwendung aber außer Acht gelassen. Deshalb bedauerte sie, die vornehmste Benennung damals nicht an den Mann gebracht haben zu können und zog sich, als der Talg diese unerfreuliche Wende nahm, in beredtem Schweigen und mit bittersüßem Lächeln verärgert zurück. Und dabei hatte sie sich für die Sendung so wahnsinnig zu Recht gemacht. 

Man charakterisierte sie schalkhaft als genervt und von Eile mit Weile. Einer der Mitdiskutanten indes nannte ihre Reaktion grenzenlos borniert, eine Einschätzung, die nicht zuletzt deshalb schon für sich selbst spreche, als man den trockenen Humor zu schätzen wisse, obwohl dieses Wort lediglich Körperflüssigkeiten bezeichne. Einfach lachhaft, wie er hinzufügte, um seine Bemerkung mit populistischre Volkstümlichkeit auszustatten. 

Auch Verstümmelungen waren es Wert, in dieser renommierten Runde ausgetestet und hinterfragt zu werden.

Warum, beispiels Weise, schreibt man neuerdings «rau» ohne H - und was ist mit dem antiquierten «roh»? Gibt es eine Deutung für das roe Ei? das Roeei? Das Röei?

Oder eine sinnvolle Erklärung, warum man früher zurechtgemacht hat, was heute zu Recht gemacht werden soll? Auch in diesen Fragen hätte sich Frau Maier-Hilsenbräuch-Wokener ratlos gegeben. Dieses Problem, als man sie nach der Sendung darauf ansprach, sei, wie sie mehrfach repetitiv wiederholte, während ihrer universitären Studienzeit nie behandelt worden. 

Hatte sich Frau Maierbeer-Hilsenbranndt-Wokener, die sich so bemüht für Auftritt und Aussehen zurechtgemacht hatte, unnötig zu Recht gemacht? Und war sie jetzt, nach ihrem Ausgehen, zu Recht unzu Frieden?

Wer ist im Stande, diese Fragen zu beantworten? Man werde versuchen, hier endlich Klarheit zu finden. Erst dann werde ich zu Frieden sein.

 

  Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.

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Dr. Gerhard Fischer ist Chefredakteur einer Fachzeitschrift und Autor der Bestseller 'Das Ei des Damokles' und 'Die Weisheit der Binse', verlegt bei PRINCIPAL