_______________________________________________________________________

 

   

 

         

ANTIQUARIATE

 

 

___  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

___

 

ANTIQUARIATE

 

 

 

 

EX HYBRIS

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Preisfragen

Deutschland preist sich aus

 

Wie immer man die Lage beurteilen mag: das deutsche Preisniveau ist sehr, sehr hoch. Ständig werden verdienstvolle Menschen geehrt und gekrönt, gefeiert und gepriesen. Man zeichnet aus, belobigt und belohnt, vermittelt Ruhm, Bewunderung, Verehrung - und, sofern man Toren und Laudatoren glaubt und fürchten muss, Unsterblichkeit.

Die Medien berichten über feierlich vergebene und verliehene Preise, über die weiblichen und männlichen Preisträger, ausführlich, peinlich bebildert und mit penetranter Einfühlsamkeit. Man lässt Preisträger zu Ehren und Wort kommen und staunt über Biografien, in denen Dichtung und Wahrheit ein überaus eigenwilliges Verhältnis eingegangen sind. Mehr Mär geht nicht.

Ein wahrer Preistsunami ist über das Land gekommen und fällt über die Menschen her. 

Was die Vielzahl der Würdigungen und Huldigungen angeht, festigt sich mittlerweile der Eindruck, dass Preise nicht verliehen und vergeben, sondern verschleudert werden. Denn was sich hier abspielt, ist eher preiswütig als preiswürdig. 

Schließlich stellt sich die Frage, ob die vielen mit Preisen Ausgezeichneten den Preis wert sind. Gehören sie alle zu den Preiswürdigen oder zählen sie nur zu den Preiswerten? Und eine zweite Frage bleibt offen: Wem nutzen die Preise? Was bedeuten sie? Was sagen sie uns, den Unausgepreisten?

Mehr noch: Fragen über Fragen. Preisfragen sozusagen. 

Was beispielsweise ist der Unterschied zwischen Preisverleihung und Preisvergabe? Zwischen preiswert und preiswürdig? Sind alle, die preiswert sind, auch preiswürdig? Ist die Würdigung preiswert? Preisgünstig gar? Und was bedeutet preisgekrönt? 

Wie wird ein Mensch preiswürdig? Wodurch und warum? Und wer stellt seine Preiswürdigkeit fest?

Wird er gefragt, ob er sich selbst als preiswürdig oder preiswert einschätzt? Kann man sich um einen Preis bewerben, um eine Preisvergabe einkommen oder wäre diese Selbstbezichtigung vergebens? 

Warum, wird mancher mit sich hadern, hat noch kein Mensch in dieser Sache bei mir angefragt, mich angerufen oder angeschrieben, aufgefordert gar? Warum ist noch keiner mit diesem Anliegen an mich herangetreten? 

Nicht selten sind sehr noble Preise ausgelobt, ausgesetzt oder ausgeschrieben. Geht es dabei um einen Preisaussatz oder um ein Preisausschreiben?

Es sind Verdienste, die mit der Preisvergabe gewürdigt werden sollen. Über die Würdigung selbst befindet ein Komitee, Ausschussmitglieder, die mit der Benennung und Wahl der Auszuzeichnenden und mit der Organisation, Vorbereitung, Durchführung, Verleihung, Festlichkeit und Promotion des Geehrten betraut sind. 

Kommt es aufgrund der vorgeschlagenen Anwärter - wer, übrigens, darf sie benennen? - zu Rivalitäten und Disputationen?

Findet ein Wahlkampf, ein Wettstreit statt? Ein Schlagabtausch schließlich, wenn Interessen und Interessierte hart aufeinandertreffen? Und wie kommt es immer wieder zustande, dass sich das Komitee auf wunderbare Weise auf einen einzigen Preisträger einigen kann? Allein dies zu bewerkstelligen, wäre einen Preis wert, mit dem man das Ausschussmitglied, das sich durchzusetzen wusste, belobigen sollte. 

Zumeist wird ein Preis an Menschen vergeben, die etwas geschaffen oder gedeichselt haben, was, neudeutsch ausgedrückt, nachhaltige Folgen zeitigt. Aber würde es nicht auch Sinn machen, Menschen auszuzeichnen, die sich einer bestimmten Aktivität bewusst enthalten, obwohl sie durchaus fähig und in der Lage wären, mit ihrer ganz besonderen Leistung zu imponieren? Beispielsweise ein Politiker, der es ablehnt, sich mit seinen Memoiren anzubiedern. Oder Sportmenschen, die ihren jugendlichen Rekorden mit Wehmut nachtrauern, ohne ihr Versagen zu erwähnen. Vielleicht auch Manager, denen sehr daran gelegen sein müsste, die eine oder andere Entscheidung auf elegante Art wortreich vergessen zu machen. Eine Preisvergabe für Unterlassung? Ein vergeblicher Wunschtraum. 

Was man immer wieder verwundert feststellen muss: Kaum ein für preiswürdig erachteter Mensch schlägt die Würdigung aus. Die meisten lassen sich auszeichnen. Selten einer, der den Preis ablehnt, obwohl die Bestimmung des Preises mit der Gesinnung des Trägers oft unvereinbar ist. Gewiss, der Ausgezeichnete hat Verdienste, nicht selten aber verdient er noch durch den Preis, das sogenannte Preisgeld.  

Fühlen sich ein Preisträger ausgezeichnet? Ist er preisbewusst?

Stöhnen Preisträger unter ihrer Last? 

Wird ein Preisträger ausgepreist? Kann er den ihm verliehenen Preis an andere verleihen? Ist er berechtigt, den an ihn vergebenen Preis weiter zu reichen? Und was bedeutet in diesem Zusammenhang hochpreisig? Welchen Gipfel muss man erklimmen, um als hochpreisig in die Riege der Geehrten und Geachteten einzugehen? 

Im Übrigen: Warum spricht man nur von Preisboxern? Wo bleiben die Preisringer, Preisfechter, Preisreiter, Preisruderer, Preisfußballer? Warum werden so viele Disziplinen diskriminiert?

Und wie nennt man den Preis, den man für Preistreiber ausloben sollte?

Wie steht’s um die Preisbindung? Den Preisvergleich? Den Preisverfall? Um Preisanstieg und Preiserhöhung?

Wer beantwortet die Preisfrage? Und wer kann sich eine Preisgabe leisten? 

Und sollte man den, der all diese Fragen beantworten kann, nicht mit einem Preis auszeichnen?

 

  Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.

Kolumne 2011 >November I Oktober I September I August I Juli I Juni I Mai I April I März I Februar I Januar

Kolumnen 2010: Dezember I November I Oktober I September I August I Juli I Juni I Mai I April I März I Februar I Januar

Kolumnen 2009: Dezember I November I Oktober I September

August I Juli  Juni I Mai I April I März I Februar I Januar

Kolumnen 2008: Dezember I November I Oktober I September

August I Juli I Juni 2008

 

Ihre Meinung zu diesem Text ist gefragt:

redaktion@deutscher-buchmarkt.de

 

 

 
 
 

 

Ad personam

 

 

Dr. Gerhard Fischer ist Chefredakteur einer Fachzeitschrift und Autor der Bestseller 'Das Ei des Damokles' und 'Die Weisheit der Binse', verlegt bei PRINCIPAL