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Preisfragen
Deutschland preist sich aus
Wie immer man die Lage beurteilen mag: das
deutsche Preisniveau ist sehr, sehr hoch. Ständig werden verdienstvolle Menschen
geehrt und gekrönt, gefeiert und gepriesen. Man zeichnet aus, belobigt und
belohnt, vermittelt Ruhm, Bewunderung, Verehrung - und, sofern man Toren und
Laudatoren glaubt und fürchten muss, Unsterblichkeit.
Die Medien berichten über feierlich vergebene
und verliehene Preise, über die weiblichen und männlichen Preisträger,
ausführlich, peinlich bebildert und mit penetranter Einfühlsamkeit. Man lässt
Preisträger zu Ehren und Wort kommen und staunt über Biografien, in denen
Dichtung und Wahrheit ein überaus eigenwilliges Verhältnis eingegangen sind.
Mehr Mär geht nicht.
Ein wahrer Preistsunami ist über das Land
gekommen und fällt über die Menschen her.
Was die Vielzahl der Würdigungen und
Huldigungen angeht, festigt sich mittlerweile der Eindruck, dass Preise nicht
verliehen und vergeben, sondern verschleudert werden. Denn was sich hier
abspielt, ist eher preiswütig als preiswürdig.
Schließlich stellt sich die Frage, ob die
vielen mit Preisen Ausgezeichneten den Preis wert sind. Gehören sie alle zu den
Preiswürdigen oder zählen sie nur zu den Preiswerten? Und eine zweite Frage
bleibt offen: Wem nutzen die Preise? Was bedeuten sie? Was sagen sie uns, den
Unausgepreisten?
Mehr noch: Fragen über Fragen. Preisfragen
sozusagen.
Was beispielsweise ist der Unterschied
zwischen Preisverleihung und Preisvergabe? Zwischen preiswert und preiswürdig?
Sind alle, die preiswert sind, auch preiswürdig? Ist die Würdigung preiswert?
Preisgünstig gar? Und was bedeutet preisgekrönt?
Wie wird ein Mensch preiswürdig? Wodurch und
warum? Und wer stellt seine Preiswürdigkeit fest?
Wird er gefragt, ob er sich selbst als
preiswürdig oder preiswert einschätzt? Kann man sich um einen Preis bewerben, um
eine Preisvergabe einkommen oder wäre diese Selbstbezichtigung vergebens?
Warum, wird mancher mit sich hadern, hat noch
kein Mensch in dieser Sache bei mir angefragt, mich angerufen oder
angeschrieben, aufgefordert gar? Warum ist noch keiner mit diesem Anliegen an
mich herangetreten?
Nicht selten sind sehr noble Preise
ausgelobt, ausgesetzt oder ausgeschrieben. Geht es dabei um einen Preisaussatz
oder um ein Preisausschreiben?
Es sind Verdienste, die mit der Preisvergabe
gewürdigt werden sollen. Über die Würdigung selbst befindet ein Komitee,
Ausschussmitglieder, die mit der Benennung und Wahl der Auszuzeichnenden und mit
der Organisation, Vorbereitung, Durchführung, Verleihung, Festlichkeit und
Promotion des Geehrten betraut sind.
Kommt es aufgrund der vorgeschlagenen
Anwärter - wer, übrigens, darf sie benennen? - zu Rivalitäten und Disputationen?
Findet ein Wahlkampf, ein Wettstreit statt?
Ein Schlagabtausch schließlich, wenn Interessen und Interessierte hart
aufeinandertreffen? Und wie kommt es immer wieder zustande, dass sich das
Komitee auf wunderbare Weise auf einen einzigen Preisträger einigen kann? Allein
dies zu bewerkstelligen, wäre einen Preis wert, mit dem man das
Ausschussmitglied, das sich durchzusetzen wusste, belobigen sollte.
Zumeist wird ein Preis an Menschen vergeben,
die etwas geschaffen oder gedeichselt haben, was, neudeutsch ausgedrückt,
nachhaltige Folgen zeitigt. Aber würde es nicht auch Sinn machen, Menschen
auszuzeichnen, die sich einer bestimmten Aktivität bewusst enthalten, obwohl sie
durchaus fähig und in der Lage wären, mit ihrer ganz besonderen Leistung zu
imponieren? Beispielsweise ein Politiker, der es ablehnt, sich mit seinen
Memoiren anzubiedern. Oder Sportmenschen, die ihren jugendlichen Rekorden mit
Wehmut nachtrauern, ohne ihr Versagen zu erwähnen. Vielleicht auch Manager,
denen sehr daran gelegen sein müsste, die eine oder andere Entscheidung auf
elegante Art wortreich vergessen zu machen. Eine Preisvergabe für Unterlassung?
Ein vergeblicher Wunschtraum.
Was man immer wieder verwundert feststellen
muss: Kaum ein für preiswürdig erachteter Mensch schlägt die Würdigung aus. Die
meisten lassen sich auszeichnen. Selten einer, der den Preis ablehnt, obwohl die
Bestimmung des Preises mit der Gesinnung des Trägers oft unvereinbar ist.
Gewiss, der Ausgezeichnete hat Verdienste, nicht selten aber verdient er noch
durch den Preis, das sogenannte Preisgeld.
Fühlen sich ein Preisträger ausgezeichnet?
Ist er preisbewusst?
Stöhnen Preisträger unter ihrer Last?
Wird ein Preisträger ausgepreist? Kann er den
ihm verliehenen Preis an andere verleihen? Ist er berechtigt, den an ihn
vergebenen Preis weiter zu reichen? Und was bedeutet in diesem Zusammenhang
hochpreisig? Welchen Gipfel muss man erklimmen, um als hochpreisig in die Riege
der Geehrten und Geachteten einzugehen?
Im Übrigen: Warum spricht man nur von
Preisboxern? Wo bleiben die Preisringer, Preisfechter, Preisreiter,
Preisruderer, Preisfußballer? Warum werden so viele Disziplinen diskriminiert?
Und wie nennt man den Preis, den man für
Preistreiber ausloben sollte?
Wie steht’s um die Preisbindung? Den
Preisvergleich? Den Preisverfall? Um Preisanstieg und Preiserhöhung?
Wer beantwortet die Preisfrage? Und wer kann
sich eine Preisgabe leisten?
Und sollte man den, der all diese Fragen
beantworten kann, nicht mit einem Preis auszeichnen?
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.
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