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Lob der Faulheit
Die gefahrvolle Neigung des Menschen zur
Aktivität findet in seinem natürlichen Hang zur Faulheit ein glückliches
Gegengewicht. Und der wohlig ausgestreckte Faulenzer, der sich auf einer Wiese
aalt, weckt in jedem vernünftigen Menschen den Wunsch, das gleiche zu tun wie er
- nichts.Allerdings: so weit das Talent zur Tätigkeit verbreitet ist, so selten
findet sich das wahre und echte Talent zur Faulheit. Und dennoch ist gerade die
Lust am Nichtstun Voraussetzung für gesammelte Aktivität und gutes Gelingen.
Solange der Mensch am Maßstab seiner Arbeit
gemessen wird, teilen wir alle mehr oder minder die Überzeugung, dass das, was
wir sind, abhängt von dem, was wir leisten. Die umgekehrte Einsicht aber - dass
das, was wir leisten, seinen Wert aus dem bezieht, was wir sind - ist uns
ziemlich fremd geworden.
Untätigkeit, Müßiggang, Faulheit im weitesten
Sinn wird allgemein als ein dem Moralischen zugeordneter Sachverhalt betrachtet
und verachtet. Faulheit als Laster: das ist die weitverbreitete Devise. Gewiss
waren die Menschen im Paradies faul, und die Arbeit wurde ihnen erst mit der
Vertreibung aus dem Garten Eden auferlegt. Wenn die Faulheit also keine Tugend
ist, dann bleibt sie sicher ein paradiesisches Laster.
Zeit, freie Zeit ist trotz aller Bemühungen,
sie uns in reichlicher Fülle zur Verfügung zu stellen, für die meisten eine
Rarität, und das ganze geschäftige, unermüdliche und oft sogar lebensbedrohliche
Tun ist zu einer Jagd nach Zeitersparnis geworden. Der Erfolg jedoch erscheint
höchst zweifelhaft. Und der vielfach gedankenlos beklagte Zeitmangel: Ist er
nicht oft genug nur Vorwand und Ausrede?
Freizeit wächst uns in eben dem Maß zu, in
dem uns die Ruhe abhanden kommt. Dienstfreie Zeit erzeugt häufig Langeweile und
Ungeduld, Einsamkeit und Unlust. Schon Lichtenberg, der große Satiriker, hat
diesen Widerspruch erkannt: „Garantiert“, so schrieb er auf seinem Merkzettel,
„tun die Leute am wenigsten, die niemals Zeit haben.“
Unser Verhältnis zu Zeit und Freizeit ist
gestört, und an uns liegt es, Tun und Lassen wieder in den angemessenen
Ausgleich zu bringen. Denn Freizeit sollte Muße sein, und Muße ist mehr als
Nichtstun - ebenso wie Schweigen mehr bedeuten kann als Nichtreden. Nur das
Adjektiv „müßig“ hat uns den Blick getrübt.
Muße bedeutet: Frei-Sein. Freisein von Zwang
und Ablenkung, die das echte Tun nur hemmt, behindert und belastet. Muße ist
nicht schwache, erschöpfte, sondern starke, stärkende und schöpferische Ruhe.
In diesem Sinn zeigt es sich auch, dass Muße
und Arbeit keine Gegensätze darstellen. Sie ergänzen sich vielmehr und gehören
zusammen. Muße ist Ursprung und Hintergrund. „Das meiste“, schreibt die große
österreichische Erzählerin Marie von Ebner-Eschenbach, „haben wir gewöhnlich in
der Zeit getan, in der wir meinten, zu wenig zu tun.“
Merke:
„Wenn die Menschen erst genug Muße haben, zu
lernen, wie sie leben sollen, um den Unterschied zwischen den wirklichen
Vergnügungen und Scheinvergnügungen zu erkennen, werden sie nicht nur anfangen,
Freude an der Arbeit zu finden, sie werden auch verstehen, weshalb einer sagen
kann, das Leben wäre erträglich bis auf die Vergnügungen.“ (George Bernard Shaw)
Und:
„Die Fähigkeit, seine Muße klug auszufüllen,
ist die letzte Stufe der persönlichen Kultur; bisher jedoch haben sich nur
wenige zu dieser Höhe emporgeschwungen. Zudem ist die Qual der Wahl schon allein
sehr unangenehm.“ (Bertrand Russel)
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.
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