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Legitime certantibus
- redlich streiten
Die
Gründe dafür, daß zwei Menschen in Streit geraten, sind von ebenso verblüffender
Vielfalt wie die Art und Weise, in der diese Auseinandersetzung ausgetragen
wird.
Was den Streit auslöst, ist zumeist ein
grundsätzlicher Irrtum, mit dem uns der allmächtigen Schöpfer die
unvorhersehbare Seite unserer unergründlichen Natur auf eindrucksvolle Weise
allemal deutlich macht: weil er die Menschen, die, so der landläufige Glaube,
vor Gott alle gleich sein sollen, sehr ungleich geschaffen hat. Denn jeder
Einzelne ist eine Welt für sich. Und jeder hat sein eigenes Orientierungssystem,
seine Qualitäten und Perspektiven. Wenn zwei dasselbe zu denken vorgeben, so ist
es nie dasselbe. Und wenn zwei glauben, dasselbe zu fühlen, schon gar nicht. Wir
wissen nicht einmal, ob der Geschmack, und der Geruch, die Farben und Töne zwei
Menschen dieselben Eindrücke vermitteln.
Der grundsätzliche Fehler, der sooft zum
Streit führt, liegt darin, daß wir, uneinsichtig für die Andersartigkeit,
unbedacht unsere Gedanken und Gefühle auf unsere Mitmenschen übertragen und uns
einbilden, daß sie genauso denken und fühlen wie wir. Diese fälschlich
unterstellte Übereinkunft, dieser eitel angenommene Zusammenhang ist es, der bei
den geringsten Mißverständnissen zu Tage tritt, um uns für die Abgründe, die
zwischen uns Menschen liegen, die Augen zu öffnen. Wie der Streit dann
ausgetragen wird, entwickelt sich unabhängig von seinen Inhalten und Ausmaßen
und richtet sich vordergründig nach den Charakteren der Kontrahenten.
Eine etwas leidige Ausnahme bilden jene
versöhnlich und friedfertig gestimmten Zeitgenossen, die mit dem tollkühnen
Schneid der Nichtkombattanten und eingezogenen Krallen jeder körperbetonten
Auseinandersetzung aus dem Weg gehen. Diese sich dem zivilen Selbstbewußtsein
unterordnende und auf alle möglichen Zugeständnisse eingehende Bereitwilligkeit,
sich zu arrangieren, anzupassen und zuzustimmen, die jede Freude am Zusammenstoß
und Handgemenge zunichte macht, nimmt dem Zwist Würde und Würze und steht im
krassen Gegensatz zum Verhalten jener Kämpen, die ihren Unmut nicht nur in Worte
fassen, sondern, geblendet von der irrationalen Kraft ihres Zorns und dem Druck
unausweichlicher Widrigkeiten gehorchend, der offensiven Lösung des Konflikts
den Vorzug geben. Ob es sich nun um den hartschädeligen Hasardeur handelt, der
um des Streitens willen streitet und jede Auseinandersetzung als faszinierende
Körperbetätigung betrachtet, oder um den zornwütigen Feuergeist, der es sich zur
Pflicht macht, jedwedem Konflikt im Halsumdrehen zu lösen, ja für den es
geradezu ein Bedürfnis ist, den Kopf seines Gegners mit beiden Händen zu packen
und den Hals zu einer Spirale zu drehen. Nicht selten ist es der Staub der
Eitelkeit, der den Schmutz des Elends nach sich zieht. Am besten aber, wenn es
um die Frage geht, wie und in welcher Form einem Affront zu begegnen sei, ist es
allemal, mit beiden Beinen über den Dingen zu stehen.
Verantwortlich (c)
für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.
>Kolumne März 2007 I
Februar 2007
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