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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

EX HYBRIS

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vom Krackel zum Krakeel

Über die Lesbarkeit der Unterschrift

  

Die Unterschrift, behaupten die Graphologen, könne zu mancherlei Erkenntnissen führen und sei daher in erster Linie eine Sache des Charakters. Über ihre Lesbarkeit wird nichts gesagt. Sie aber, sollte man annehmen, müsste doch eigentlich das Wichtigste sein. Denn was nützt beispielsweise die froheste Botschaft, wenn der Empfänger nicht weiß, von wem sie kommt? Was sollen Auskünfte, Hinweise, Abmachungen, Artigkeiten, was Versicherungen und Beteuerungen, wenn der, der hinweist, abmacht, versichert und beteuert anonym bleibt und sich hinter zwar markanten, leider aber auch unlesbaren und undeutbaren Schriftzügen verbirgt?

Oft hat es den Anschein, als handle es sich hier um ein Missverständnis: als habe man irrtümlicherweise als Brief expediert, was eigentlich nur als Probetext gedacht war, auf dem sich ein Unleserlicher lediglich vergewissern wollte, ob seine Tinte noch reicht oder seine Mine noch schreibt.

Vielfach hat man auch das unbestimmte Gefühl, das Schriftstück sei, bevor es zum Versand gebracht wurde, einem Kleinkind in die Hände geraten, das darauf - wie das nun einmal Gewohnheit, Bedürfnis oder Übermut dieser jungen Menschen ist - seine ersten Fingerfertigkeiten geübt hat.

Die Erklärungen reichen jedenfalls vom offenen Irrtum bis zur eindrucksvollen Grafik. Aber sie reichen niemals aus, auszumachen, was den Unterschreiber bewogen hat, derartige Skurrilitäten zu Papier zu bringen, und das just auf diesem und keinem anderen Schriftstück. Und sie reichen schon gar nicht soweit, eine Erkennbarkeit oder gar Namhaftmachung des Unterzeichners abzuleiten. Fest steht lediglich, dass das Schriftstück unterzeichnet wurde. Ungewiss bleibt, von wem.

Und dabei wäre die Lesbarkeit so wichtig.

Nicht nur bei Autogrammen, das heißt: beim Namenszug berühmter Persönlichkeiten. Nicht nur bei Autographen, das heißt: bei den handgeschriebenen Fassungen von Schriftstücken. Und ganz gewiss nicht nur, weil Autogramme und Autographen einen Marktwert haben und vielfach auf Auktionen zu mehrstelligen Beträgen gehandelt werden. Denn auch für sie gilt. was ganz allgemein von einem Schreiber und seinem Schreiben verlangt werden darf: dass man erkennt, um wen und um was es geht.

Ein Blatt Papier voller Unlesbarkeit vergilbt zwar und bleibt reichlich unansehnlich, wie es nun einmal gefordert wird, um einen attraktiven Preis zu erzielen — ist aber kein Beleg dafür, dass es sich um die Urfassung einer berühmten Lyrik oder eines bekannten Tonwerks handelt. Auch verehrte Poeten und geschätzte Musiker müssen auf diesen Papieren, zumindest stellenweise, noch erkennbar sein, bevor man ihre Hinterlassenschaften als echte Autographen würdigt und bezahlt.

Dokumente, die sich über diese Forderung großzügig hinwegsetzen und dennoch als authentisch gelten, gibt es zwar vom Ersten Napoleon, der seine Schriftstücke als Artillerieoffizier noch manierlich lesbar mit vollem Namen nebst genealogisch orientierendem Zusatz Buonaparte unterfertigte, dann aber mit jedem Sieg, den er erfocht, bescheidener wurde - nachlässiger, wie man bei weniger bedeutenden Persönlichkeiten formulieren würde. Jedenfalls: Je größer er wurde, desto kleiner schrieb er seinen Namen, bis schließlich nur noch ein N für Reich und Kaiser stand. Napoleon aber darf und kann kein Beispiel sein, auch wenn man vielfach die geheimnisvolle Krakeligkeit des Namenszugs als Ausdruck und Sigel für Avancement und Arriviertheit missdeuten mag.

Zugegeben: Nicht jeder hat die Gabe, die man an Kupferstechern und Kartographen so zu schätzen weiß. Nicht jeder aber kann sich die Nachlässigkeit erlauben. die man den Großen und Größten zugesteht. So beispielsweise den Herren Shakespeare und Hawthorne, von denen es noch immer unentzifferte Manuskripte gibt. Schließlich mussten auch sie dafür zahlen: ihre Unlesbarkeiten blieben ungedruckt - und demnach ungewürdigt. Letzte Endes aber handelt es sich auch bei der Unterschrift um eine Frage der Höflichkeit, wie Bismarck in einem Erlass an seine „Herren Mitarbeiter“ formulierte: „Mehrere Herren, welche die Aktenstücke an mich einreichen, schreiben ihren Namen so, dass die Unterschrift zwar ihnen selbst als Ausdruck dessen gelten kann, für andere indessen unverständlich bleibt. Es ist dies absolut unzulässig und eine deutliche Unterschrift nicht allein aus Pflichten des Amtes, sondern auch aus denen der Höflichkeit notwendig. Auch abgesehen von meiner Person hat jedermann, welcher eine amtliche Zuschrift erhält, das Recht, den darunter befindlichen Namen mühelos und ohne Zuhülfenahme des Staatshandbuches außer Zweifel zu stellen. Es wird mir unerwünscht sein, wenn ich genötigt werde, einzelne Herren besonders und persönlich auf diese Verpflichtung aufmerksam zu machen. Ich werde aber dazu schreiten, sobald mir wieder Veranlassung geboten werden sollte. Ich stelle die dienstliche Forderung, dass jeder Beamte seinen Namen so schreibt, dass er ihn nicht allein entziffert, sondern auf den ersten Blick geläufig gelesen werden kann...“ 

A propos: Unterzeichner

Wann hat der Unterzeichner unterschrieben? Oder der Unterschreiber unterzeichnet? Unterfertigt womöglich noch? Ist er der Endesunterfertiger? Der Linksunterfertigte? Der Rechtsunterfertigende?

Bleiben wir der Einfachheit halber beim Unterzeichnen. Ist der, der einen Brief unterschrieben hat, der Unterzeichner? der Unterzeichnende? der Unterzeichnete?

Scheinbar hat man hier die Wahl zwischen Formen, die in Rede und Schreibe verwendet werden:

Entschließt man sich zum Partizip Präsens, zum Mittelwort der Gegenwart, weil man eine augenblickliche Handlung ausdrücken will, empfiehlt sich: der Unterzeichnende.

Bevorzugt man das Partizip Perfekt, die Leideform des Mittelworts der Vergangenheit, weil man eine abgeschlossene Handlung bezeichnen will, empfiehlt sich: der Unterzeichnete.

Am besten, sichersten und lesbarsten aber ist und bleibt:

der Unterzeichner.

 

  Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.

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Dr. phil. Gerhard Fischer ist Chefredakteur einer Fachzeitschrift und Autor der Bestseller 'Das Ei des Damokles' und 'Die Weisheit der Binse', verlegt bei PRINCIPAL