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Realität
Jeder hat schon die Erfahrung gemacht, wie
schnell unsere großen Ideen klein, wie schnell unsere Pläne zerstoben, wie
schnell unsere Hoffnungen und Erwartungen schal und grau geworden sind, sobald
wir uns darangemacht haben, sie zu verwirklichen. Denn die Wirklichkeit ist es,
die uns unsere Illusionen raubt und unsere Träume zerstört. Die Wirklichkeit,
der der Fluch der Realität lästig anhängt, hat ein Problem: Sie muß sich, wenn
sie Bestand haben will, gegen andere Wirklichkeiten durchsetzen. Weil jede
Möglichkeit immer auch die Unmöglichkeit mit einschließt – und vice versa.
Wenn man sich für eine Möglichkeit
entscheidet, muß man Grenzen ziehen und sich darüber im klaren sein, daß
unzählige andere Möglichkeiten unberücksichtigt bleiben. Darin liegt die große,
die wahre Tragik des Lebens: daß man immer glaubt, sicher zu sein und richtig zu
handeln – mit dem, wofür man sich entschieden hat, und mit dem, wofür man sich
nicht entschieden hat, also auch eingedenk der unzähligen Möglichkeiten, gegen
die man sich entschieden hat und die ebenso ein Recht darauf gehabt hätten,
beachtet und berücksichtigt zu werden.
Wenn man später, mit fortschreitendem Alter
und durch die nachfolgenden Erfahrungen einsehen muß, daß diese Beurteilung und
die daraus erwachsenden Konsequenzen nicht ganz so richtig waren, wie wir es im
Augenblick der Entscheidung geglaubt oder gehofft haben, ist dem menschliche
Unstern zuzuschreiben. Zugleich, wenn wir es über uns bringen, ehrlich zu uns
selbst zu sein, werden wir erkennen, daß sie nicht selten unser Schicksal zum
Guten gewendet hat. Denn wehe, wir wären danach nicht gescheiter geworden – wir
wären schon bei ganz anderen Entscheidungen gescheitert. Deshalb setze ich auf
die Gnade der Ungewißheit, überzeugt, daß Unwissen und Unkenntnis die
Folgsamkeit und Fügsamkeit der vielen garantieren.
Realist kann nur sein, wer die Wirklichkeit
verdrängt.
Verantwortlich (c)
für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.
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