_______________________________________________________________________

 

   

 

         

ANTIQUARIATE

 

 

___  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

___

 

ANTIQUARIATE

 

 

 

 

EX HYBRIS

 

 

 

 

 

Realität

 

Jeder hat schon die Erfahrung gemacht, wie schnell unsere großen Ideen klein, wie schnell unsere Pläne zerstoben, wie schnell unsere Hoffnungen und Erwartungen schal und grau geworden sind, sobald wir uns darangemacht haben, sie zu verwirklichen. Denn die Wirklichkeit ist es, die uns unsere Illusionen raubt und unsere Träume zerstört. Die Wirklichkeit, der der Fluch der Realität lästig anhängt, hat ein Problem: Sie muß sich, wenn sie Bestand haben will, gegen andere Wirklichkeiten durchsetzen. Weil jede Möglichkeit immer auch die Unmöglichkeit mit einschließt – und vice versa.

Wenn man sich für eine Möglichkeit entscheidet, muß man Grenzen ziehen und sich darüber im klaren sein, daß unzählige andere Möglichkeiten unberücksichtigt bleiben. Darin liegt die große, die wahre Tragik des Lebens: daß man immer glaubt, sicher zu sein und richtig zu handeln – mit dem, wofür man sich entschieden hat, und mit dem, wofür man sich nicht entschieden hat, also auch eingedenk der unzähligen Möglichkeiten, gegen die man sich entschieden hat und die ebenso ein Recht darauf gehabt hätten, beachtet und berücksichtigt zu werden.

Wenn man später, mit fortschreitendem Alter und durch die nachfolgenden Erfahrungen einsehen muß, daß diese Beurteilung und die daraus erwachsenden Konsequenzen nicht ganz so richtig waren, wie wir es im Augenblick der Entscheidung geglaubt oder gehofft haben, ist dem menschliche Unstern zuzuschreiben. Zugleich, wenn wir es über uns bringen, ehrlich zu uns selbst zu sein, werden wir erkennen, daß sie nicht selten unser Schicksal zum Guten gewendet hat. Denn wehe, wir wären danach nicht gescheiter geworden – wir wären schon bei ganz anderen Entscheidungen gescheitert. Deshalb setze ich auf die Gnade der Ungewißheit, überzeugt, daß Unwissen und Unkenntnis die Folgsamkeit und Fügsamkeit der vielen garantieren.

Realist kann nur sein, wer die Wirklichkeit verdrängt.

 

 Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.

>Kolumne >Juni 2007 I Mai I April I März I Februar

 

 
 
 

 

Ad personam

 

 

Dr. phil. Gerhard Fischer ist Chefredakteur einer Fachzeitschrift und Autor des Bestsellers 'Das Ei des Damokles', verlegt bei PRINCIPAL