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Einst und Jetzt
Die waghalsige
Behauptung, dass früher alles besser gewesen sei, ist eine anthropologisch
zwingende Vergangenheitsbeschwörung, die jeder empirischen Falsifikation den
Zugang verwehrt, eine diffuse Nostalgie, der nicht nur Konservative frönen,
sondern auch durchaus kritische und skeptische Geister erliegen. Typisch dafür
ist die Klage, die Thascius Cäcilius Cyprianus, der Bischof von Karthago, im
dritten Jahrhundert seinen Zeitgenossen vorhielt: «Ihr sollte euch dessen
bewusst sein, dass unser Zeitalter vergreist ist und die Welt vor ihrem
Untergang steht! Es hat heute weder die Ausdauer, die es früher aufrecht hielt,
noch die Kraft und die Robustheit, die es früher stark machten.» Ob diese
verquere Ansicht des heiligen Kirchenvaters der Grund war, dass man ihn erst
verbannt, dann enthauptet hat, ist nicht überliefert.
Welcher
Abschnitt der Menschheitsgeschichte mit dieser ebenso vielsagenden wie
nichtssagenden Floskel gemeint ist, bleibt ungesagt. Wollte man versuchen, den
rätselhaften Ort und die unbestimmte Zeit ausfindig zu machen, würde das
Konstrukt der Vergangenheitsverklärung zusammenbrechen und sich bestenfalls als
realitätsflüchtige Chiffre entlarven.
Die larmoyante
Klage, dass alles schlechter werde, ist nichts anderes als eine Missachtung der
Tatsache, dass sich das Leben ständig weiter entwickelt. Gewiss: vieles
verändert sich und alles ist nicht mehr so, wie es früher war. Auch wir
selbst haben uns verändert, ob wir es nun wahrhaben wollen oder nicht. Tatsache
ist, dass sich diese Veränderungen andauernd vollziehen. Fraglich bleibt nur, ob
dieser Wandel eine Verschlechterung bedeutet. Vielleicht ist es die
Unbeweglichkeit unseres Geistes, der Wandlung und Verwandlung zwar registriert,
aber nicht fähig ist, dieser Zwangsläufigkeit positive Seiten abzugewinnen. Die
Jugend wird und kann sich damit arrangieren. Sie hat die Welt so vorgefunden,
wie sie ist, und muss ihr Leben darauf einrichten. Und wie die Geschichte zeigt,
gelingt ihr dies auch.
Früher und heute
Früher wurde
dem Staat vertraut, weil er in der Lage war, Gewalt abzuwenden.
Heute wird dem
Staat misstraut, weil er in der Lage ist, Gewalt auszuüben.
Früher nannte
man einen, der ausschließlich auf seinen eigenen Vorteil bedacht war, abgebrüht.
Heute nennt man
ihn cool.
Früher, als man
nackte Damen noch für unanständig hielt, hat man die nackte Wahrheit
geschätzt.
Heute, da man die nackte Wahrheit für unanständig hält, weiß man nackte Damen zu
schätzen.
Früher tat man
Buße. Heute zahlt man Bußgeld.
Früher sprach
man von einem tauglichen Handlanger. Heute spricht man in ein handliches Handy.
Früher sprach
man vom Wert einer Sache. Heute schätzt man ihren Preis.
Früher spielten
die Schauspieler den Hamlet. Heute geben sie ihn.
Früher glaubte
jede Generation, dass mit ihr die Welt angefangen habe. Heute fürchtet jede
Generation, dass mit ihr die Welt zu End gehe.
Verantwortlich (c)
für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.
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