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Plädoyer
für eine ungewohnte Freiübung
Man sollte es nicht für möglich halten - und
dennoch muss man sich Tag für Tag darüber wundern, wie schwierig es
offensichtlich ist, seinen Mitmenschen mit Freundlichkeit zu begegnen. Das
bezieht sich nicht nur auf die grußlose, wortkarge und miesepetrige Art, in der
uns manche Zeitgenossen entgegentreten. Das lässt sich fast überall beobachten,
wo Menschen im Alltag zusammentreffen. Gewiss: es gibt Ausnahmen. Löbliche,
freundliche, strahlende Ausnahmen - Lichtblicke im wahrsten Sinn des Wortes. Die
soll und darf man nicht vergessen. Die anderen aber... Fast möchte man sich mit
der Erkenntnis abfinden, dass Freundlichkeit wohl jenen Fähigkeiten zuzuordnen
ist, die nicht jedem gegeben sind.
Wie dem auch sei: Der verlorenste aller Tage,
sagt der französische Philosoph Chamfort, ist der, an dem man nicht gelacht hat.
Bilanzen sind aufschlussreich. Aber eine
Gewinn- und Verlustrechnung dieser Art muss erschütternde Einblicke geben. Denn
die Anzahl der Tage, die diesen armen Menschen durch ihren ständigen Griesgram
verloren gehen, ist um ein Vielfaches größer als die Summe der Tage, die sie
wirklich gelebt und erlebt haben. Sie beanspruchen, mit anderen Worten, einen
großzügig bemessenen und meistens unverdienten Kredit, der nur durch gelehrige
Einsicht und sofortige Besserung abzutragen ist.
Überhaupt ist die Freundlichkeit sehr selten
geworden. Ob es sie je im Übermaß gegeben hat, ist ungewiss. Die heutige
Nachfrage aber übersteigt bei weitem das Angebot. Es gilt diese betrübliche
Erkenntnis uneingeschränkt und für alle Bereiche des Lebens, ob beruflich oder
privat. Die Leute glauben offenbar, dass alles, was man mit ernstem Gesicht tut,
vernünftig sei. Warum aber sollte man allen Menschen mit Skepsis und Vorbehalt
entgegentreten, nur weil uns zuvor zufällig ein Gimpel über den Weg gekommen
ist, der uns mit seiner miesen Laune den Tag verderben wollte?
Wie einfach könnte das Leben sein, wenn man
sich immer vor Augen hielte, dass man für ein lachendes Gesicht nur dreizehn
Muskeln zu bewegen braucht, für eine miesepetriges Miene dagegen über achtzig.
Diese Rechnung sollte aufgehen, einleuchten und überzeugen.
Das Rezept ist einfach: Man nehme mehr auf
die leichte Schulter, ohne seine Pflichten zu vernachlässigen. Man lächle, und
vieles wird besser.
Übrigens: Die gesündeste Freiübung - sich
selbst auf den Arm nehmen.
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.
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