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Der Sinn des Lebens
Auf seine weltfremde Verträumtheit
angesprochen, antwortete Herr Jeh, fast verschämt, doch ohne seinen
schwermütigen Ausdruck aufzugeben:
«Ich suche den inneren Frieden.»
Seine Stirn zerteilte sich in Falten wie bei
einem Menschen, der sich einem unlösbaren Rätsel gegenüber sieht.
«Ein mutiges Unterfangen», antwortete
Hauenstein. Er war doch sehr erstaunt, dass sich Jeh so beherzt zu diesem
Geständnis bekannte. Und irgendwie hatte er auch das Gefühl, dazu noch etwas zu
sagen, was Jeh in seinem Vorhaben bestärken sollte.
«Ein ehrenvolles Ziel, das Sie sich gesetzt
haben.»
Hauenstein präsentierte die hoheitsvolle
Miene eines Mannes, der gewöhnt ist, dass man ihm wichtige Geheimnisse
anvertraut.
Jeh, überrascht von Hauensteins Interesse,
nickte. Hoffnung lag auf seinen Zügen.
«Das wird, wie Sie wissen, für einen
Atheisten nicht einfach sein.»
Hauenstein nickte seinerseits.
«Wahrscheinlich», sagte er und bedachte Jeh
mit einem würdevollen Blick, der nur einen kleinen Anflug von Herablassung ahnen
ließ, «nein: ganz sicher ist es einfach bloß das Wort, das Sie ängstigt. Der
Friede, und ganz besonders der innere Friede, wird von den Gläubigen und der
Geistlichkeit derart maßlos in Anspruch genommen, als verfügten sie seit eh und
je über das alleinige Nutzungsrecht. Dieses Phänomen irritiert. Unwillkürlich
verbindet man damit immer nur klerikale Anliegen und Versprechungen. Zumeist
kommt dann noch die Seele ins Spiel. Und schon endet der gute Vorsatz in einer
Befangenheit, die auch die beste Absicht zunichte macht.»
Jeh schluckte schwer. Seine ziemlich
hervortretenden Augen hinter den dicken, entstellenden Gläsern verrieten seine
unterdrückte Ungeduld.
«Die Worte, nachdem man sie weder gegen
Gebrauch noch Missbrauch schützen kann, sind derart abgenutzt und ausgewaschen,
dass man sie meiden sollte. Deshalb meine Empfehlung: Suchen Sie sich einen
Ausgleich. Ein neutrales Synonym. Beispielsweise, wenn ich mir den Vorschlag
erlauben darf, nennen Sie das, was Sie suchen, Sinn des Lebens. Oder emotionale
Geborgenheit. Diese Begriffe sind zwar ebenso diffus, aber sie nehmen fürs erste
die leidigen Attribute des Klerikalen aus dem Spiel. Kanzel, Kreuz und Kerze
können von manchen lauteren Absichten ablenken.»
Jeh, noch bemüht, seine Gedanken zu
sortieren, beugte sich vor und versuchte, Hauensteins Hand zu drücken.
«Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr
Sie imstande sind, die Dinge auf den Punkt zu bringen.» Er sprach ganz langsam,
wie jemand, der seine Vorfreude auskostet. «Ich will nicht vorschnell urteilen,
aber irgendeine Ahnung, irgendein Gefühl sagt mir, dass Sie mir mit Ihrer
Bemerkung bereits sehr viel weiter geholfen haben. Herzlichen Dank, lieber Herr
Hauenstein. Herzlichen Dank.»
Hauenstein in seiner Reglosigkeit ähnelte dem
provinziellen Standbild einer vergessenen Notabilität, dennoch wirkte er
angenehm überrascht wie jemand, der eine Frage mit ruhigem Gewissen verneinen
kann.
«Keine Ursache, Jeh. Es gibt überhaupt keinen
Grund zur Dankbarkeit. Meine Empfehlung ist eher als Warnung gedacht.»
Hauensteins Abwehr war voreilig. Denn die
Art, wie er um sich blickte und schließlich über seine dürftigen Strähnen
strich, legte die Befürchtung nahe, dass er wieder einmal seiner gnadenlosen
Gabe erlag, sich in die ornamentalen und fundamentalen Unwegsamkeiten seiner
Gedanken zu verspielen.
«Oft», fuhr er fort, «macht man erst in
seinem späteren Leben die aufregende und erhellende Entdeckung, dass jeder
Mensch das Recht hat, sich in die Tiefen seines individuellen Ichs zu versenken
und alles von diesem Standpunkt aus neu zu beurteilen. Die meisten fühlen sich
als Opfer ihres Schicksals. Umso erfreulicher ist es, jemandem zu begegnen, der
sich diesem Phlegma widersetzt.
Vielleicht», meinte er, «ist der Versuch, das
menschliche Seelenleben rational zu erfassen, ein Widerspruch in sich. Trotzdem
bemüht man sich immer wieder, mit der Erforschung der Neigungen und Triebe dem
Eigentlichen und Wesentlichen auf den Grund zu gehen. Doch der Mensch verfügt
seit langem nicht mehr über die Instinkte seiner Ahnen, die nötig sind, um seine
Physis und Psyche in Übereinstimmung zu bringen. Die beständige Entfremdung von
der Natur hat diese Funktionen seit Jahrtausenden verkümmern lassen. Deshalb
sind wir auf die überlieferte Erfahrung unserer Vorvorderen und auf die
Erziehung angewiesen, um in Verbindung mit unserem Verstand, so klein er auch
immer sein mag, zu unserer Reise aus dem Nichtwissen aufzubrechen. Dass diese
Expedition ins Ungewisse, wenn überhaupt, oft erst sehr spät und meistens erst
lange, nachdem wir die Höhle des Mutterschoßes verlassen haben, gewagt wird, hat
viele Gründe. Der beste und höchste und, sei’s drum, vornehmste gehört zu den
edelsten Geschenken, die uns der Schöpfer mitgegeben hat: die Gnade der
Ungewissheit. Denn letztlich sind wir Menschen geheimnisvolle; auf eigenartige
Weise tief verinnerlichte Wesen, die von ihrer Leiblichkeit zwar Gebrauch
machen, die aber viel mehr als Leib und Körper sind. Schließlich erlauben es uns
die geheimen Triebkräfte, mit denen uns die Natur ausgestattet hat, alles
verwirklichen zu wollen, wozu wir fähig sind. Diese göttlichen und teuflischen
Fähigkeiten sind in der Lage, uns ebenso zum Pharisäer wie zum Samariter werden
zu lassen. Die Totalität des menschlichen Individuums mit seinen körperlichen
Empfindungen, seinen affektiven und intuitiven Kräften sowie seinen gedanklichen
und gefühlsmäßigen Reaktionen ist, von der Wirklichkeit bedrängt, unerbittlich.
Gehen wir auf die Suche nach uns selbst,
zwingen uns Schicksal und Zufall, unsere abstrakten Vorstellungen mit unseren
konkreten Erfahrungen in Übereinstimmung zu bringen. Dabei ist es gleichgültig,
wie wir zu unseren Einsichten gelangen: durch rein methodisches Vorgehen, also
durch die logische Methode, die vom Identitätsprinzip bestimmt wird; oder durch
die dialektische Methode, die sich vom Prinzip des Widerspruchs leiten lässt;
vielleicht durch die paradoxe, die dem Prinzip des Zusammenfalls der Gegensätze
gehorcht. Auch die hierarchische, die sich am Ordnungsprinzip orientiert, wäre
legitim. Ob man nun durch Logik, der man ja immer und grundsätzlich einen hohen
Grad von Scharfsinn und Verstand unterstellt, durch Dialektik oder durch
Paradoxa zu neuen Erkenntnissen kommt, oder ob sich die neuen Einsichten auf
eine geradezu genialische Intuition zurückführen lassen: alles kann zutreffen –
oder auf einen grundsätzlichen Irrtum beruhen. Schließlich ist die sinnliche
Welt zur übersinnlichen reich an Analogien, die durchaus geeignet sind, uns
nicht nur das Gleichnis oder die Metapher einprägsam zu illustrieren, sondern
auch den Anschein von Wahrheit einzuflüstern. Denn die Fähigkeit zur Analyse
darf nicht mit bloßer Klugheit verwechselt werden. Die aufbauende und
berechnende Kraft, wie unzählige Beispiele aus der Geschichte beweisen, ist
oftmals nur auf Einseitigkeit und Engstirnigkeit zurückzuführen oder auf eine
gewisse Beschränktheit, die am Verstand zweifeln lässt. Nicht selten wird dabei
auch ausgesprochen fahrlässig die Rolle außer Acht gelassen, die der Zufall in
der Ökonomie aller menschlichen Dinge, der zeitlichen und der ewigen, spielt.
Dass durch diese Momente der Hellsichtigkeit, die man Zufall nennt, auch Dinge
«entdeckt» werden, die so wunderbar und einmalig erscheinen, dass der Verstand
sie nicht mehr für bloße Zufälle halten mag, sei lediglich aus Gründen der
Vollständigkeit nicht unterschlagen.
Um es noch einmal und mit Nachdruck
herauszustellen: Ich meine jenen gesunden Menschenverstand, der an Dummheit
grenzt; nicht den Verstand, der nur für das Unwesentliche taugt und schon gar
nicht den Verstand, der sich zum Domestiken des Zeitgeistes degradiert. Ich
setze auf die Vernunft, die innere Distanz, aus der heraus es uns ermöglicht
wird, nicht nur die Dinge in Ruhe zu betrachten und zu bewerten, sondern uns
selbst und unsere eigenen Beschränktheiten und Eitelkeiten zu erkennen.
Neue Ideen und neue Einsichten verwirren,
weil man sie sich selbst nicht zutraut. Man muss sich mit ihnen anfreunden, ohne
sich anzubiedern. Man muss sie verstehen lernen, um sie zu schätzen. Letzten
Endes aber sollten wir uns immer vor Augen halten, dass das Leben eine Fülle von
Geheimnissen birgt, die zu begreifen sich unser Verstand mit seiner begrenzten
Auffassungsgabe nicht erhoffen darf.»
Man mag, dachte Hauenstein abschließend, von
Herrn Jeh halten, was man will: seine Art, sich, wo immer er auch gezwungen ist,
mit andere Leuten zusammenzutreffen, in den Hintergrund zu drängen, mag viele
befremden. Was aber sagt schon seine staubgraue Miene, sein leidvoller Blick und
sein stetes Bemühen, nicht gründlich genug übersehen zu werden? Was er von sich
gibt, hat Hand und Fuß, so selten er sich auch dazu überwinden kann. Warum
sollte ich nicht zugeben, mich in ihm getäuscht zu haben? Jeh ist durchaus ein
Mensch, der meiner Achtung nicht unwürdig ist.
Verantwortlich (c)
für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.
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