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Literarische Wahrheit
Das
Verhalten des Menschen ist von vielen Zufällen abhängig, die ihn oft zwingen,
gegen seine Neigung und Überzeugung zu handeln. Manches, was er unternimmt,
löst bei seinen Mitmenschen unwillkürlich Befremden aus und stellt sie nicht
selten vor die unbeantwortbare Frage: wie konnte er oder sie so etwas nur tun?
Die wahre Geschichte aber wird nicht wahrer, weil sie geschehen ist. Die
erfundene Geschichte dagegen, wer immer sie sich ausgedacht hat oder wem immer
sie angedichtet und zugemutet wird, ist wahr. Sie zeigt das Typische, das
Charakteristische, die Widerspruchslosigkeit des Geschehens. Sie ist in ihrer
Logik verständlich, begreifbar und nicht nur für Eingeweihte, sondern auch für
Ausgeweihte nachvollziehbar, wie man heute sagt. Ihr Verhältnis zur Wahrheit
entkräftet alle Zweifel und jeden Widerspruch. Kein Dichter, kein Denker,
keiner, der sie erfindet, würde den Charakteren, die er seinen Lesern bietet,
etwas andichten, was ihnen im Gefolge des Gesamten nicht zuzutrauen wäre. Was er
sie sagen und wie er sie handeln läßt, folgt den Gesetzmäßigkeiten der Vernunft
und den geheiligten Prinzipien der Logik, des Bindeglieds zwischen Ursache und
Wirkung. Selbst dort, wo er dem Geschehen eine unvorhersehbare Wendung gibt und
bei noch so jähen Eskapaden und fabulösen Extravaganzen, bleibt die Übersicht
des Ganzen gewahrt. Was einbezogen, hinzugefügt oder ausgelassen wird, leuchtet
ein, ja ist sogar vorhersehbar für alle, die sich eine gewisse Witterung für
Zusammenhänge bewahrt haben. In ihr drückt sich die prinzipielle
Gleichberechtigung des logischen Aspekts mit der zweifelhaften Forderung nach
Wahrheit und Ehrlichkeit aus. Doch seit wann und in wieweit sind Logik und
Vernunft geeignet, die menschlichen Entscheidungen zu bestimmen? Die erfundene
oder erlogene Geschichte ist die reinste Wahrhaftigkeit.
Verantwortlich (c)
für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.
>Kolumne April I
März 2007 I
Februar 2007
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