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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

EX HYBRIS

 

 

 

 

 

 

Geist und Materie

Der Mensch ist ein sinnliches Wesen. Mit seinen armseligen Sinnen versucht er, die Welt zu verstehen, auch wenn immer wieder behauptet wird, daß ihn der Geist überlegen mache. Tatsächlich ist der Mensch nichts anderes als ein komplexer biochemischer Mechanismus, dessen Nervensystem über ungeheure Kapazitäten verfügt, um verschlüsselte Informationen auszulösen und abzuspeichern. Obwohl diese biologischen Abläufe erforscht und ebenso bekannt sind wie die Tatsache, daß das Bewußtsein nur eine geringe Kontrolle über die Affekte ausübt, die uns beherrschen, spricht man mit geradezu zynischer Verkennung der Gegebenheiten von der Macht des Geistes über die Materie. Daraus aber trügerische metaphysische Schlüsse zu ziehen, wäre frevelhaft.

Gewiß ist denkbar, daß sich aufgrund wissenschaftlicher Studien über die selbstregulierenden Methoden und mechanischen Zusammenhänge menschlicher Beziehungen scheinbar Fortschritte, sozusagen erste Schritte in Richtung auf die Mathematisierung der menschlichen Erfahrung erzielen lassen. Und die rührigen Forscher, um kein Versprechen verlegen, tun alles dafür, den Rest der Welt auf diesen irrigen Glauben zu fixieren. Daher macht es auch keinen Unterschied, ob sie nun das Unbekannte erforschen oder das Bekannte bezweifeln. Deshalb sollten wir uns davor hüten, daß uns die wissenschaftlichen Betrachtungen, so gewissenhaft und vielversprechend sie auch sein mögen, den Blick auf die Besorgnis erregenden Tatsachen verstellen. Ließe sich dieses Feld jemals beherrschen, würde das zu einer kopernikanischen Wende in den allgemeinen menschlichen Beziehungen führen, deren Folgen noch viel weniger absehbar wären als die Aussicht auf ihre Realisierung. Aber jede Sozialtechnik, sofern dieser verächtliche Terminus überhaupt zulässig ist, basiert auf harten Fakten, nicht auf nebulosen Spekulationen, in denen die scheinbare Logik die Realität korrumpiert und der Intellekt vor lauter Geist das Leben ausspart. Es wäre ebenso unmöglich wie unsinnig, menschliches Verhaltern mit Maßstäben der Logik erklären zu wollen.

Wir unterscheiden und beurteilen unsere Mitmenschen vorwiegend nach ihrer körperlichen Gestalt, nach Aussehen und Auftreten, obwohl wir wissen, daß weder ein kurzes Bein noch ein Buckel oder eine Glatze und ein roter Bart rein gar nichts über Geist oder Seele aussagen. Wir handeln, wie man so sagt, nach Gefühl und Gespür, nicht selten auch aus einer Mischung von feinen Empfindungen und exaltierten Leidenschaften und mit einem ungeheuren Ausmaß an sinnlichem Behagen, das keinen Irrtum scheut. Das wird allein schon aus der Tatsache erkennbar, daß wir scheinbaren Bedeutungslosigkeiten viel zu wenig Gewicht beimessen. Wir gefallen uns in der Waghalsigkeit einer Höhenwanderung auf schmalem Grat, wo sich schwacher Sinn und Schwachsinn derart angenähert haben, daß keine Unterscheidung mehr erkennbar ist.

Der Preis, den wir für die Zivilisation haben zahlen müssen, war der Verlust instinktiver Sicherheiten als Leitlinie menschlichen Verhaltens. Deshalb bin ich, was die Zukunft angeht, guten Muts. Wir müssen schon ganz schön im Dunkeln tappen, ehe uns ein Licht aufgeht.

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Gerhard Fischer, Schifferstadt.

Kolumne Februar 2007

 

 
 
 

 

Ad personam

 

 

Dr. phil. Gerhard Fischer ist Chefredakteur einer Fachzeitschrift und Autor des Bestsellers 'Das Ei des Damokles', verlegt bei PRINCIPAL