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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

Circulus vitiosus

-Weshalb ist, was ist -

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Alte“ und „neue“ Ökonomie:

Lieber totgesagt, als tot geboren.

 

Die letzte Jahrtausendwende vermochte ihre fin-de-siècle-Gene nicht zu leugnen und vereinte in ihrer Zerrissenheit apokalyptische Computercrash-Szenarien mit digitaler Goldgräberstimmung. Für Internet-Aktien schien die Gravitation ausser Kraft gesetzt – die „alten“ ökonomischen Theorien ohnehin.  Dot-Com-Gurus riefen eine Epoche unbegrenzten Wachstums aus und ihre Mystiker lieferten die Begründungsalchemie. Die New Economy war der letzte Schrei. Mit dem Platzen der Internet-Blase blieb davon indes bald nur, ja, der Schrei - weniger als Ausdruck eines epochalen Gefühls wie 100 Jahre zuvor das gleichnamige Gemälde Edvard Munchs, denn eines epochalen finanziellen Desasters. Die Götterdämmerung der alten Ökonomie war vertagt, stattdessen musste die neue sehr jung zu Grabe getragen werden – so jung, wie Nestroy sagen würde, dass sie schon fast etwas Ungeborenes an sich hatte. Und wirklich gegeben hat es sie ja auch nie. Totgesagte leben länger. 

Auf theoretischer Seite kommen neue Heilsversprechen von der Behavioral Finance, die explizit Anleihen bei der Psychologie macht. Anders als die klassische Ökonomie glaubt sie, dass die Akteure nur eingeschränkt rational handeln: Kognitive Beschränkungen hindern sie an der Nutzenmaximierung. Stattdessen wägen sie zwischen den Kosten für die Entscheidungsfindung und dem vermutlich resultierenden Nutzen ab. Die Suche nach Alternativen stoppt, wenn eine zufriedenstellende gefunden ist - selbst wenn es noch eine bessere geben könnte. Aber einmal abgesehen davon, dass  das - gegeben die Informationslage - geradezu überbordend rational klingt, hat die Ökonomie einen gewissen gesunden Hang zu hermetischen Tautologien: wenn jemand mit Optimieren aufhört, heisst das, dass er sich in einem Optimum befindet - zufrieden zu sein bedeutet genau dies. Wir müssen unseren Nutzen nicht in einer Formel aufzuschreiben imstande sein, um ihn zu maximieren. Wir tun es mit jedem Atemzug. Wir sind ein Optimierungsprozess.  

Was heisst zudem „rational“? Rationalität wird am besten evolutionär verstanden – wie wohl alles von Lebewesen hervorgebrachte (womit wir uns den Untiefen eines weiteren tautologischen Begriffs nähern). Sind wir uns darüber uneinig, was rational heisst, sind wir uns in nichts einig. Ist die Logik nun eine - wenn schon nicht metaphysische - wenigstens evolutionäre Notwendigkeit oder bloss eine Konvention? Der US-Philosoph Willard Van Orman Quine versöhnt in Two Dogmas of Empiricism wissenschaftliche Konventionen mit dem evolutionären Druck der Aussenwelt: „Jeder Mensch steht unter dem Einfluss seines wissenschaftlichen Erbes sowie eines ständigen Bombardements sinnlicher Stimulierungen; die Überlegungen, die ihn dieses Erbe an die Sinneseindrücke anpassen lassen, sind - sofern rational - pragmatisch.“ Für Quine ist die wissenschaftliche Methode das letzte Rationalitätskriterium. Sie ist indes nicht letzte Instanz, weil unfehlbar, sondern unfehlbar, weil letzte Instanz! Ihre Berechtigung erhält sie im Fortgang der Wissenschaft (going concern), die in den Augen Quines letztlich nichts anderes ist als unser gegenwärtiges Mittel, um künftige Erfahrung bestmöglich zu antizipieren. 

Die Ökonomie braucht keinen psychologischen Beistand, kein Care-Team. (Unbewusste) Motive und Konditionierungen führen zu dem, was wir wollen, oder – nach Schopenhauer: was wir wollen müssen. Erst nach dieser „Emergenz“ setzt die Ökonomie ein. Es geht um sublimierte Als-Ob-Rechnungen: als ob wir ständig ausrechneten, wie wir mit beschränkten Mitteln unbeschränkte Wünsche erfüllen sollen - die Evolution kann übrigens als Emulator solcher Rechnungen betrachtet werden. Und manchmal rechnen wir tatsächlich, mit einem Modell, von dem wir glauben, dass es unsere Antizipationen nachzeichnet. Falsche Preise brechen irgendwann durch, die Preisblasen platzen, etwa durch Vergleich mit anderen, (neuen) Gütermärkten. Lägen Modelle systematisch falsch, könnten wir sie - evolutionär gesehen – nicht seit jeher benutzen. Die Ökonomie beschreibt nicht singuläres Verhalten, sondern sucht die idealisierte Trendaussage, die Asymptote, entlang der sich die Idiosynkrasien psychosozialer Entwicklung verflüchtigen. Systematische (kollektive) Irrationalitäten liessen sich ausnutzen und würden daher „aussterben“: You can fool somebody sometimes but not everybody all the time.

 

 Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Tommaso Manzin, Zürich.

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Ad personam

 

 

 Tommaso Manzin studierte Volkswirtschaft und Philosophie.

 

Er ist als Redakteur bei einer renommierten Zürcher Fachzeitschrift tätig.