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Von der Pietà zu
'Körperwelten'
Reduktion ist die
Ästhetik, alles so zu denken, bis nichts mehr weggedacht werden kann. Die
Asymptote dieses Eliminationsverfahrens muss nicht auf einen Nihilismus
hinauslaufen – man denke an geometrische Figuren. Es geht um (vermeintliche)
Grenzen. Die Linie ist ein flächenloses Ideal, es gäbe in Wirklichkeit immer
Punkte, die man noch weglassen könnte. Und Punkte existieren schon gar nicht.
Ist der Mensch eine offene Menge? Die Ausstellung „Körperwelten“ geht bis an die
Grenze seiner Nacktheit - und zieht ihm sie sicherheitshalber erst einmal ab:
Ein Voyeurismus der - wörtlich – unter die Haut geht. Es ist ein langer Weg von
der Pietà etwa eines Michelangelo zu Skulpturen aus Toten – und doch geht es um
dasselbe: den Menschen, seinen Körper, die Verortung des Geistes, und um den
Ausdruck beider. Und einmal mehr um die Frage, was Kunst ist.
Hinter der Möglichkeit
dieser Ausstellung steckt jedenfalls mehr, als der archaische Schauer vor echten
Toten, enthäuteten Menschen, die einmal waren – und die einen anzublicken
scheinen, als gäbe es sie wieder. Und natürlich mehr als anatomische Aufklärung
– selbst wenn das die Mission Gunter von Hagens‘ gewesen sein mag: uns einen
Spiegel vorzuhalten, allerdings – und hier kommen wir der Sache schon näher:
nicht zum Staunen vor der Schöpfung, sondern vor dem, was auch ohne Gott möglich
sei. Vor dem Körper als faszinierende Maschine. Daran allein wäre nichts neu -
ausser der totalen Konkretheit vielleicht, der Haptik der Optik sozusagen.
Das Gemüt mag in diesem
Niemandsland zwischen Leichenshowhaus, entweihter Neo-Gruft und stummer
Jahrmarktattraktion nicht so recht Tritt fassen – es findet sich unvermittelt
vor einem unbekannten Gefühlsobjekt (UGO) wieder. Doch selbst wenn sich
irgendwann ein Geisterbahnfeeling einstellt, wenn vom Elektromotor getrieben die
Plastinate die Köpfe bewegen und mit den Augenlidern klappern: Die Ausstellung
trifft den Zeitgeist einer Gesellschaft, die sich selbst dahingehend peinlich
genau monitoriert, alles stets vom materialistischen Standpunkt aus zu sehen,
und die sich gern immer wieder inflagranti dabei ertappt, doch irgendwo noch
etwas Metaphysisches zu fantasieren, zu faseln, um es dann wie Tand mit eisernem
Besen auszukehren, abzuschleifen wie Ornamente vorindustrieller Möbel (Adolf
Loos‘ „Ornament und Verbrechen“ lässt grüssen).
Wenn – wie jüngst
geschehen - eine 98-jährige in einem Altersheim eine 100-jährige mit dem Kissen
erstickt, fühlen wir, dass unsere Gesellschaft fordert, den komischen Aspekt
darin zu sehen - und nicht den tragischen: dass also z.B. diese Frau, die einmal
ein Mädchen war, mit einer solchen Tat am Ende ihres Lebens dieses völlig
umwertet, umwirft. Sich den Toten als Menschen, sich seine Züge mitten im Leben
vorzustellen und die Stunde seines Todes, wäre ein Fremdkörper in der
Ausstellung. Der Tod passt seltsamerweise in unsere Rationalitätsgesellschaft.
Es ist klar, dass irgendwann alles aufhört. Kein Problem damit. Das „memento
mori“ ist selbst tot. Ausser vielleicht als pervertierter Lifestyleslogan, so
mehr als: carpe diem! Also, für das Cover eines Magazins, meinetwegen: Es lebe
das „memento mori“! Aber als Jenseitsverweis, als persönliche Aporie hat es sich
evolutionär verflüchtigt. Das Kaleidoskop unseres Eklektizismus dreht sich nur
um nützliche Werte. Einmal abgesehen von einem uneliminierbaren Residualhorror
wird dem „ich war, was ihr seid, ich bin, was ihr sein werdet“, nicht
nachgefühlt, sondern nur die Trivialität der Aussage als solche mit ästhetischer
Genugtuung gefunden.
Von der sofistizierten
Fleischschau steigt keine Sehnsucht nach Transzendenz, nach etwas ganz Anderem
auf, das aus diesen Larven entflohen wäre. Sie wird von sozialen Betablockern
ruhig gestellt, mental gettoisiert, als überkommene Sentimentalität – das Alibi
der Hartherzigen, wie uns Schnitzler lehrt. Als etwas für Unaufgeklärte – wie
bei Zarathustra: haben denn diese Einfaltspinsel mit ihren provinziellen
Gefühlsarchitekturen immer noch nicht davon gehört, dass Gott tot ist? Die
Gretchenfrage - das ist hier nicht mehr die Frage. A propos: Vielleicht,
ja vielleicht gibt es doch mehr zwischen Himmel und Erde, als unsere
Schulweisheit sich träumt, sagt zumindest Hamlet – aber der ist ja auch schon
lange tot.
Verantwortlich (c)
für Text und Inhalt: Tommaso Manzin, Zürich.
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