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Hobbes: Mut und
Unmut der Reduktion
Teil
III
Das Gefühl der Reduktion
auf den kruden Punkt beschleicht einen im Menschenbild von Hobbes immer wieder:
„Der Mensch kennt bei allem, was er besitzt, keine höhere Freude, als dass
andere nicht so viel haben.“ Macht das nicht Stimmung? Hobbes Begriffe sind
nicht neu. Doch kaum beginnt er sie zu füllen, ist man ernüchtert, konfrontiert
mit einer Minimalversion, die darauf aus scheint, den Menschen – politisch
gerade noch korrekt - ja nicht zu sehr vom Tier abzuheben und stets pure
naturalistisch-utilitaristische Erklärungen zu liefern. Es gibt sie auch für
Hobbes, die Ehre, stellen wir etwa erleichtert fest, nachdem er uns vielleicht
gerade die Friedhofsruhe des totalen Staates schmackhaft zu machen versucht hat
- ja, aber sie ist kein absoluter Wert, der über eine utilitaristische Ethik
hinausgeht. Edelmut - obschon selten - existiert. Kurzes Aufatmen - dann
kommt’s: nur als Angst, sich als schwach zu erkennen zu geben. Das
Zwischenmenschliche - man müsste sagen: Zwischenwölfische - ist diktiert von
Machtverhältnissen, der Drohung, sich bei Nicht-Kooperateion ins Suboptimum der
Selbsterhaltung zurückzuziehen und von dort die Guerilla gegen die andern wieder
aufzunehmen. Die Gesellschaft aufersteht aus den Grabenkämpfen erst mit der
Errichtung des Staates. Sie ist der geometrische Ort aller Punkte, die ihr
„Recht auf alles“ auf einen Fürsten übertragen, um den sie in der Schwebe eines
wechselseitigen Stillhalteabkommens flottieren - ständig lauernd, mit dem Blick
eines Chamäleons oder Leguans, züngelnd.
Hobbes hatte mit seiner
radikalen Reduktion auf antimetaphysische Erklärungen den Nerv der Moderne
bereits getroffen. Heute geniessen wir als Staatsbürger ganz selbstverständlich
die Balance eines rein utilitaristischen Gesellschaftsvertrags, der faktische
Resultante aller Machtvektoren ist – doch das erzählen wir natürlich nicht auf
Partys. Und für den Wolf in uns haben wir ein Jagdreservat abgesteckt: die
Privatwirtschaft: Dort perpetuieren wir als Gralshüter der Freiheit zum
smith’schen Nutzen aller den Krieg aller gegen alle. Der symbolische Tod des
einzelnen, sein Bankrott, wird dabei allerdings zum rationalen „zurück zum
Start“ oder im schlimmsten Fall zum Leben von der Fürsorge. Doch alles
Wohlwollende, jeder Altruismus aus dieser Küche bleibt ein By-Product des
Eigennutzes.
Neigungen und Verlangen
sind für Hobbes etwas Selbstbezügliches: Das Streben - der „unmerkliche Anfang
der Bewegung in uns“-, das die Ursache, wodurch es erregt wurde, wieder zum Ziel
hat. Das Verlangen nach Besitz heisst schlicht Geiz, wobei dieser nicht negativ
sein muss – was würde die Scholastik dazu sagen! „Die Scholastiker geben bei der
Neigung gar keine Bewegung zu…, sie sagen nur: Die Neigung ist eine
metaphorische Bewegung, und das ist unsinnig! Es gibt zwar metaphorische Worte,
aber keine metaphorischen Körper oder Bewegungen!“, wettert Hobbes. So ernst
meinte er es mit der Bewegung – und mit dem Denken (also wieder einer Bewegung).
Hobbes mäandriert nie. Und seine Wege sind nicht einfach Verkürzungen, sondern
oft fruchtbare Abkürzungen.
Nicht ganz zufällig steht
die Ökonomie, hervorgebracht von diesen nüchternen Schottischen
Moralphilosophen, getränkt im Positivismus und der Aufklärung von Hume und
Smith, unter dem Generalverdacht eines simplificateur terrible – ganz
gleich, in welche humanistische Domäne sie vordringt. Die Public Choice-Theorie
als Paradebeispiel ökonomischer Analyse etwa grabt seit Jahren der klassischen
Politologie das Wasser ab. Gerade Humanisten leisten sich aber ihrerseits eine
Mickey-Mouse-Sicht auf die Wirtschaftswissenschaften, identifizieren sie im
besten Fall mit Buchhaltung, in einem weniger günstigen mit einer Art List, Geld
zu scheffeln, mit einem Club akademisch geadelter Trickdiebe.
Was stört denn so an
dieser Ökonomisierung der Verhaltens- und vor allem der Sozialwissenschaften?
Ist es die Angst vor gemeinsamen naturalistischen und antimetaphysischen
Prinzipien von Biologie und Gesellschaft? Vielleicht ist es diese hermetische
condition humaine, aus der es keinen Ausbruch gibt, diese tautologische
Klammer um unsere soziale und biologische – und doch unaufteilbare – Existenz,
die auch in den Überlegungen von Hobbes so allgegenwärtig scheint.
Verantwortlich (c)
für Text und Inhalt: Tommaso Manzin, Zürich.
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