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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

Circulus vitiosus

-Weshalb ist, was ist -

 

 

 

 

 

 

 

'Befreiung dank Unterjochung –

Thomas Hobbes und die Logik der Bewegung'

(Teil 1)

Der Kernschmelze des Finanzsystems sind wir noch einmal entkommen. Nun wissen wir, dass falsche Anreize es von innen aushöhlen - obwohl sie gerade dem Kern, um den die schillernde Galaxis des Glamourbankings kreiste, dem Mark des homo oeconomicus entnommen sind, der Innengrenze des Systems. Die Gesellschaft ist ja nicht nur das einzige Gesellschaftsspiel, das kein Ende vorsieht, sondern auch das einzige, bei dem die Regeln dazu gehören. Ändern wir sie also! „Wissen ist Macht“, sagt auch Thomas Hobbes. Werden wir also auch dem Wolf in uns entkommen? Und dem der andern? „Homo homini lupus“, sagt Hobbes eben auch. 

Das Weltende ist also noch einmal vertagt. Doch man braucht nicht das gleichnamige Gedicht von Jakob von Hoddis zu lesen, um den unsteten Gang der Welt (statt des klassischen „non datur hiatus, non datur saltus“) in Krisenzeiten zu spüren, die Juxtaposition alles Denkbaren. Theorien klaffen im Shift der Paradigmen auseinander und legen die Diskontinuität ihrer Tektonik bloss, Polstellen, an denen Gedanken nicht mehr definiert scheinen, die Inkommensurabilität der Zugänge zur Welt zu Tage tritt. Der Bezug zwischen Zeichen und Bezeichnetem ist entweder dahin oder so multipel, dass nur noch ein Holon erscheint, in das die Netze ontologischer Verpflichtungen strukturlos aufgegangen sind – bei jedem anders. „Wir können nicht nicht kommunizieren“, sagt Watzlawick. Ja, aber was verstehen wir? 1979 beklagte Jean-François Lyotard das Ende der grossen Erzählungen- etwa jener der Befreiung der Menschen durch die Aufklärung-, die die Wissenschaften zusammengehalten hatten, während sie nun in Diskurse aufgelöst vor uns wimmeln. 

Eine Polstelle des Zusammenlebens ist für Hobbes – geprägt vom Konflikt zwischen englischer Krone und Parlament - der Naturzustand des Menschen – „bereichert“ um ein Gefangenendilemma. Wollte der schottische Aufklärer die Menschheit befreien? Die „Freiheit“ des vorstaatlichen Menschen ist für ihn der finsterste Kerker. Im „Krieg aller gegen alle“ ist nichts gerecht oder ungerecht - Wittgenstein würde sagen, diese Begriffe seien noch gar kein Zug im Spiel des Naturzustandes. Es zählt nur die Selbsterhaltung. Die utilitaristische Vernunft vermag den Menschen nicht aus dieser Misere zu retten. Den „Befreiungsschlag“ bringt nur die gemeinsame Unterjochung, die Übertragung der „Naturrechte“ aller auf einen Herrscher. Nur dieser darf noch seiner wölfischen Natur frönen. Im Leviathan, dem transmoralischen Fürsten und sterblichen Gott, wird die Macht der einzelnen gebündelt und potenziert. Er ist indes mehr als ihre Summe, er konstituiert eine neuartige Kreatur – eine holistische Idee. Erst durch ihn werden die Menschen, die ursprünglichen Teile, zu Bürgern. 

Hobbes’ mereologischer Blick auf die Gesellschaft mag simplizistisch anmuten, und das empiristische Abbild- und Druck-Modell der Gedanken etwas gar hydraulisch. Danach beruht das Denken auf Vorstellungen, inneren Bewegungen, die sich folgen, wie die Eindrücke, die sie bewirkten. Doch einmal davon abgesehen, dass uns niemand garantiert, dass die Wahrheit interessant ist: Was ausser gegenwärtiger und vergangener (gespeicherter) „Bewegungen“ ausserhalb und innerhalb von uns könnte unser Denken zudem noch bestimmen? Und wenn wir noch das „Innen“ und „Aussen“ verwischen, sind wir schon modern. Immer mehr Facetten flimmern über das Sichtfeld, melden ihren Anspruch auf Existenz an, während ihr Flirren Apathie gegenüber dem Einzelnen verströmt. Wir leben im Fliessendgleichgewicht zwischen Parataxe und Chaos: Bedeutungen entstehen fallweise, ohne Anspruch auf etwas, das „die Welt im Innersten zusammenhält.“ Oder aber die totale Vernetzung dehnt die Dinge ineinander aus, Ontologie wird zur quantenholistischen Feldtheorie. Beides findet sich im Keim schon bei Hobbes. Seine Überlegungen zu verschiedenen Fragen sind nicht immer konsistent, ohne Bruch. Anderseits durchströmt sie die Überzeugung, dass unser Denken Teil der Welt ist. Doch selbst wenn wir glauben, dass Gedanken sich nicht in Comic-Sprechblasen aus ihr herausstülpen und die Welt nicht vor uns Halt macht, den Elfenbeinturm unseres Subjekt-Objektspaltungsdünkel stürmt und pulverisiert: Wir können unsere evolutionäre Rolle als Prisma der Ausfällung der Welt in Einzeldinge nicht zurückweisen: Wir erstellen weiter Listen von Dingen, mit denen wir jonglieren – ganz gleich, wie flink wir sie einander nachwerfen.

 

 Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Tommaso Manzin, Zürich.

 

 

 
 
 

 

Ad personam

 

 

 Tommaso Manzin studierte Volkswirtschaft und Philosophie.

 

Er ist als Redakteur bei einer renommierten Zürcher Fachzeitschrift tätig.