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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

Circulus vitiosus

-Weshalb ist, was ist -

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Macht der Äquivokation:

Der homo oeconomicus als armer Verwandter

des homo beatus?

 

Was uns  an den Vorsokratikern fasziniert, ist dieser Aufbruch, der Beginn all dessen, was unserem Denken so vertraut werden sollte. Welch herrliche Klarheit muss da in diesen ersten Funken um sich gegriffen haben, welch Triumph war noch jede glückliche Intuition, jeder grosse Gedanke, als noch wenig einen Namen, eine Erklärung hatte! Denker waren das, keine Experten. Die Lust an der Allgemeinheit, an geschlossenen Erklärungssystemen schien eben erst erwacht. Diese bleiben naiv, kindlich in unseren alten Augen, aber mit dem unwiederbringlichen Charme des ersten Mals. Heute können wir uns kaum retten vor Theorien, Glossen, Diskursen, institutionell bestimmt, von Fakultäten und anderen erlesenen Vermögen, von belesenen Experten, die meist wissen, keine grossen Würfe zu produzieren. 

Auch in der Ökonomie werden regelmässig revolutionäre Konzepte ausgerufen.  Neuster bahnbrechender Fund  ist, dass der homo oeconomicus ausgedient hat, verdrängt wird wie einst der Neandertaler vom homo sapiens. Ausgerufen wird das Zeitalter des homo beatus – des glücklichen Menschen. Nutzenmaximierung war gestern, heute wird das Glück maximiert. Heute? Einmal mehr geht es um more of the same, dasselbe mit anderen Papieren, Etiketten, Namen: Äquivokation. Denn Nutzen ist schon alles, was - genau: glücklich(er) macht. Das Brutalo-Nutzenkonzept, das dem armen homo eoconomicus seitens dieser Beatifizierungsökonomie unterstellt wird, ist beschränkt auf monetären Nutzen. Das ist natürlich nur eine Ruine dessen, was die Ökonomie meint: Alles, was wir konsumieren, spendet Nutzen. Und Konsum beinhaltet wiederum alles, was wir gerne tun. Gar alles. 

Die Ökonomie ist trotz ihrer exakten Methoden keine exakte Wissenschaft im Sinne der Beschreibung von Bewegung von Massepunkten. Ziel der Ökonomie ist es nicht, Entscheide Hirnmolekül für Hirnmolekül zu verfolgen, sondern eben gerade davon zu abstrahieren, das Aggregat Mensch in einer quasi-physikalischen Als-Ob-Rechnung als einzelnen Massepunkt im Spiel der ökonomischen Kräfte zu beschreiben. Dieser homunculus vermag damit erstaunlich viel individuelles Verhalten, sowie jenes von Organisationen und Institutionen zu erklären. Es geht um Entscheide, insofern sie logisch sind (um einmal das schwammige Wort „rational“ zu verabschieden), ausgehend von emergierten Wünschen und vorhandenen Mitteln. Ökonomie ist eine logische Wissenschaft, manchmal sogar eine tauto-logische. Ihr Nutzenkonzept ist so weit, dass etwa folgender Satz immer wahr ist: Alles, was der Mensch tut, ist Konsum oder Konsumverzicht. Letzteres heisst Sparen und hat nur einen Zweck, nämlich den Konsum zu einem späteren Zeitpunkt. Nehmen wir ein Extrembeispiel: Menschen, die sparen, um des Sparens Willens, also nicht einmal ihrer Nachkommen wegen oder um es zu verschenken – Altruismus allein wäre schnell erklärt: das Wohl eines anderen ist Teil unseres Nutzens, den wir maximieren. Sparen als Art pour l‘ Art hiesse indes, dass diese Aktivität selbst Nutzen stiftet, etwa Spass, Genugtuung, Prestige (nicht aber beispielsweise das Gefühl von Sicherheit: dann handelte  es sich um eine (ineffiziente) Form von Versicherung). Sogar sein eigenes Sparen zu konsumieren ist also kein Widerspruch. 

Steht die ökonomische Arbeitsteilung hinter der Zersplitterung der Diskurse – auch der ökonomischen? Hinter der spasmodischen Suche nach etwas, das auf uns weist, einem waagrechten Halt in der Felswand, einem Vorsprung, einem Felsvorsprung in der Möwenkolonie, auf dem wir unsere Ideen ausbrüten, trotz aller Aussicht auf das herrische Blau, das dort beginnt, die unendliche Gleichheit, die das Meer ist. Und inwiefern wäre dann das ökonomische Denken Opfer seiner selbst? Doch halt, so viel Selbstbezüglichkeit muss stutzig machen: Die Ökonomie existiert nicht, ausser als Tinte vermengt mit Papier, als Code in Rechnern oder Gehirntätigkeit in Menschen, die dank der Sozialisierung des Sprachgebrauchs trotz ihres idiosynkratischen Innern „dieselbe“ Theorie meinen können – wie auf bestimmte Formen getrimmte Sträucher, die trotz unterschiedlicher innerer Verästelung gleich aussehen. Was wirklich existiert, ist das (menschliche) Streben. Und dessen Beobachtung führte zu einem Eindruck, den wir heute ökonomische Theorie nennen.

 

 Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Tommaso Manzin, Zürich.

►Kolumnen 2010: März I Februar I Januar I Dezember 2009

 

 

 
 
 

 

Ad personam

 

 

 Tommaso Manzin studierte Volkswirtschaft und Philosophie.

 

Er ist als Redakteur bei einer renommierten Zürcher Fachzeitschrift tätig.