_______________________________________________________________________

 

   

 

         

ANTIQUARIATE

 

 

___  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

___

 

ANTIQUARIATE

 

 

 

In memoriam

Literaturnobelpreisträger

 

 

 

 

 

 

Sully Prudhomme

(1839 - 1907)

 

Seine Gedichte sind vergessen, sein Ruhm ist verweht. Und dennoch bleibt er der erste Preisträger (1901) der von Alfred Nobel gestifteten, insgesamt fünf Nobel-Preise, darunter der für Literatur.

Was zeichnete Prudhomme aus? Seine sensible Menschenbeobachtung, die er lyrisch verarbeitete, und sein 'Intimes Tagebuch', aus dem nachstehend zitiert wird. Es soll neugierig machen auf einen Menschen, dessen Lebenslauf an dieser Stelle bewußt nicht nachgezeichnet wird. Das Werk tritt vor den Dichter, es hat Vorrang vor Deutelei und Kritelei der Nachgewachsenen. So war es stets gute Sitte und bedeutete eine Verneigung vor geistgeborenen Worten, nicht vor der womöglichen Willkür schicksalhafter Wendungen im Leben eines hochmögenden Mannes.

Hochmögend? Solch antiquierter Gebrauch eines in seiner Grazie unübertrefflichen Adjektives? Ja, denn der Verflachung unserer Sprache kann durchaus entgegengetreten werden: mittels Rückgriffs aufs Tradierte, auch wenn man Sie, lieber Leser, dann in manchen Kreisen nicht mehr verstehen dürfte.

Prudhomme gelang es, das Französische transparent zu machen, durchgängig also für den Homme d'esprit und der Geisteshaltung des l'art pour l'art. Und so spricht er in seinem Tagebuch exakt das aus, was in jedwede Kultursprache, also auch ins Deutsche, sprachmelodisch transponiert werden könnte - wenn man denn wollte. Man will dies aber aus Geringschätzung der eigenen Sprache nicht. Und das ist schändlich.

_________________________________________________

 

Tagebucheintrag vom 17. Juni 1868

 

'Letzthin fragte man mich, warum ich keinen Roman schriebe oder kein Theaterstück. Ich wagte nicht zu antworten. Das Studium der Philosophie hat mir alle menschlichen Dinge verkleinert. Das Veränderliche ist mir gleichgültig; eine Szene zu schaffen, diese oder jene Figur ins Leben zu rufen, sie den Stock in die Hand nehmen zu lassen, sie anzukleiden, sie sich auf einen Stuhl setzen zu heißen - ich finde das alles dürftig und elendig. Ich nehme mir lieber das Wesen einer Leidenschaft, eines Leidens, unabhängig von jedem Erlebnis vor und suche die Kadenz, den Rhythmus, die ihr Ewiges, ihre notwendige Begleitung sind. Das Zufällige ist mir verhaßt. Es ist mir unmöglich geworden, einen Roman zu lesen, und ich gehe nicht mehr ins Theater, weil man heutzutage an die Stelle eines Charakters den Kunstgriff setzt. Die Tatsachen interessieren mich nicht; sie sind nur der Flor der einzig wesentlichen Ursachen. (...) Mitternacht; ich habe mit jungen Leuten gegessen; eine Stunde im Café: verlorene Zeit, Albernheiten, Langeweile. Eben ein Abend wie viele im Leben? Ich habe kaum etwas anderes getan, als im stillen die Stunden zu zählen.'

 

 

Quelle: © Coron Verlag Zürich o. Jahreszahlangabe.

_________________________________________________

 

Und so darf man als heute Lebender getrost zustimmen, was dem einen wie Tristesse anmutet, dem anderen als Ausdruck feierlicher Selbstachtung gilt: daß die Zeit zwar enteilt, der Mensch sich aber in seinem Kokon, Ich-Seele genannt, stets treu bleibt, weil ihn der Käfig der Konventionen einengt, ihn Begierden und Sehnsüchte gleichwohl unablässig vorantreiben. Wie soll daraus ein Entkommen gelingen?

Sully Prudhomme war allerdings ein analytisch Suchender, kein vom diffusen Bauchweh geplagter Weltschmerzler, und somit fähig zur uneitlen Reflexion. Wer nun sein Werk kennenlernen möchte, der möge sich mit seinem Œuvre befassen, es ist von literarisch feingewogener Güte. Sein 'Intimes Tagebuch' bildet hierbei die Grundlage für dessen Würdigung in memoriam.

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J. Michael Baerwald, Berlin.

 

 

 
 
 

 

Ad personam

 

 

J. Michael Baerwald ist Herausgeber der Buchmarkt-Portale

 

Deutscher-Buchmarkt.de I Buchmarkt-online.net I Buchbesprechungen.net.