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Paul Heyse
(1830 - 1914)
Paul Heyse - einer der Schriftsteller, die
post mortem weder gelesen noch gekannt noch sonderlich geschätzt werden. Woran
liegt's? An der heute unbekannten Größe seiner Fabulierungskunst, vielleicht
auch an dem Odium des Vielschreibers, dem nachgesagt wird, daß er
schreibtherapeutisch tätig sei und daß nicht qualitatives Schaffen sein Œuvre
präge...?
Auf Paul Heyse trifft diese Einschätzung
psychoanalytisch möglicherweise zu, denn er erweckte durchaus mit der Vielzahl
seiner Novellen und Romane und Übersetzungen den Eindruck des rastlos
Schaffenden, nicht des sensiblen Wortkünstlers. Wie dem auch sei - er reüssierte
zu seiner Zeit auf sensationell kurze Weise, war Günstling Maximilians II,
verkehrte mit den Großen seiner Ära, und er durfte wohl als das gelten, was man
altmodisch unter 'wohlgelitten' verstand. Was macht ihn aber für jene
Bibliophilen unter uns
interessant? Seine Übersetzungen, die er u.a. von Manzonis und D'Annunzios
Werken fertigte? Seine mit leichter Hand hingeworfenen Novellen? Seine
Deutsche-Dichter- Biographien?
Nein, Heyse ist in nur einer Hinsicht einzigartig
zu nennen: nämlich als Dichter formvollendeter Poesie. Er verstand es
unaufdringlich, der damaligen Weltschau seinen Stempel aufzuprägen - und er
sorgte für dessen Akzeptanz. Die Verleihungsrede von Wirsén beinhaltet daher
folgerichtig solche Aussage: Paul Heyse ist seinen eigenen Weg gegangen;
ästhetisch gesehen, ist er der Wahrheit treu geblieben, insofern als die äußere
Wahrheit die innere widerspiegelt. (...) Vornehme Einfacheit muß ihr Ziel
sein. So bekundet sich das Schöne bei Paul Heyse. Er lehrt nicht die Moral,
durch die das Schöne seine Unmittelbarkeit verlöre, aber seine Werke sind voll
Weisheit und Vornehmheit.'
Darin kommt zum Ausdruck, was hier mit
Vornehmheit umschrieben wird, nämlich die Abweisung alles Vulgären und
sprachlich Bankrotten - eine Vornehmheit also, die darauf verzichtet, billiger
Effekte halber dem Volk nach dem Maul zu reden. Pauly Heyse wurde von Arbeitern
ebenso gelesen wie von Personen von Stand, das sagt alles über sein moralisches
Bemühen aus, Wissen mit Poesie zu paaren und ein neues Gewächs zu gebären. Es
ist ihm gelungen, weshalb er es verdiente, heute reanimiert zu werden. Nicht als
Persona grata, die er ja ist, vielmehr als Schriftsteller feingesponnener
Poesie, die sich der Prosa nicht verschließen mag, sondern in ihr den Gegenpart,
das dramaturgisch notwendige Gleichgewicht, erblickt. Eine Art literarischer
Äquilibristik sozusagen.
Lesen wir also ganz kurz hinein in den Anfang einer seiner
schönsten Italienischen Novellen, um zu verstehen, welchen Effekt 'Vornehmheit'
in Heyses Sprachstilistik aufweist:
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Beatrice
'Wir hatten bis tief in die
Nacht hinein geplaudert, unser drei, bei einigen Flaschen Astiweins, die wir
durch einen glücklichen Zufall aufgetrieben hatten und nun im kühlen Gartenhaus
auf das Wohl des eben aus Italien heimgekehrten Freundes leerten. Er war der
älteste von uns und schon ein fertiger Mann, als wir ihn vor zwölf Jahren auf
einer Reise im Süden kennenlernten. Auf den ersten Blick hatte uns seine
männliche Gestalt, der Adel seines Wesen und eine gewisse melancholische Anmut
seines Lächels für ihn eingenommen.'
Quelle:
©
Coron Verlag
Zürich o. Jahreszahlangabe.
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Mit sparsam verwendeten Adjektiven
skizziert er einen Menschen: ...schon ein fertiger Mann... und ...eine
gewisse melancholische
Anmut seines Lächelns... Welche Sprachgewalt mittels einfachen Assoziationsvermögens!
Dutzende Seiten genügten nicht, um Autoren unserer Zeit, mit gewissen Ausnahmen
selbstredend, Siegfried Lenz etwa, solch handwerkliches Vermögen beizumessen. Weshalb nicht? Weil
sie es verlernt haben, was 'Vornehmheit' im Sprachduktus bedeutet, nämlich sich
als skizzenhafte Leichtigkeit dem Leser zuzueignen. Pompöser Donner und greller Blitz haben hier
nichts zu suchen, sie sind entbehrlich geworden. Und so ist dem heutigen,
dem an fundierten Vergleichen wirklich armen Leser Paul Heyse anzuempfehlen als ein Schriftsteller
voller Wärme und anteilnehmender, niemals kalter Beobachtungsgabe. Eine
wohltemperierte Sprache begleitet diese und kulminiert zu einem Erlebnis im
Geiste, dessen Vorstellungsmacht einfach nur entzückt. Und entzückt sein darf
man, ohne zu erröten. Es ist der nie zu unterdrückende Impuls, das Schöne
immerdar zu suchen, um es zu verwahren. In sich und nicht coram publico als
allgefällige Monstranz.
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J.
Michael Baerwald, Berlin.
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