|
|
Björnstjerne Björnson
(1832 - 1910)
Wie wird man den Großen der Literatur
gerecht, außer daß man ihr Andenken in Ehren hält? Indem man - entgegen den
Zeitläuften des Verramschens von Dichtern und Texten - eines hervorhebt: daß sie
hoch schöpferische Menschen gewesen waren.
Björnson, in einer Zeit des politisch und
gesellschaftlichen Umbruches aufgewachsen, in dem das von Dänemark annektierte
Norwegen den Schweden zurückgegeben wurde, was die norwegischen Patrioten nicht
ruhen ließ, bis sie die Unabhängigkeit ihres Landes in einer demokratischen
Verfassung anno 1814 manifestierten und sie bis heute legitimieren.
Björnson, der erste skandinavische
Literaturnobelpreisträger, ist wegen seines unermüdlichen leidenschaftlichen
Engagements für sein Land der tief vereehrte Nationaldichter geblieben. Niemand
reichte an ihn in der Kraft der Sprache und des Talentes heran. So ist die Verehrung diese großen
Dichters etwas Reines, Unantastbares, ja Sankrosanktes, das die Identität des
norwegischen Volkes in der Welt der Dichtkunst zu wahren hilft.
Björnsons Œuvre ist gewaltig: rund 25 Romane
und Erzählungen und 15 Theaterstücke - es zeugt von einer Vitalität, die wenigen
Dichtern eigen ist, sofern sie nicht von sich aus Verzweiflung über das
Ausbleiben des genialischen Funkens abschreiben. In der Jetztzeit siechen
dieserart von ihnen etliche dahin, von Verlegern mitleidvoll ausgehalten, vom
gebildeten Publikum bedauert.
In der Verleihungsrede vom 10. Dezember 1903
heißt es: 'Herr Björnstjerne Björnson, Ihr Genie hat sich in den Dienst der
reinsten und erhabensten Ideen gestellt; es hat ein hohes Maß von Forderungen an
das menschliche Leben gestellt, daß viele es fast für zu streng erachten; doch
ist es eben in seinem Anspruch der Leichtfertigkeit vorzuziehen, die sich in der
zeitgenössischen Literatur nur allzuoft breitmacht. Ihr geniales und überall
willkommenes dichterisches Werk, dessen Wurzeln in der Natur und im Leben des
Volkes, aber auch in Ihren ungemein sicheren persönlichen Überzeugungen liegen,
vereinigt Sittlichkeit mit einer gesunden dichterischen Frische.'
Das Problematische, welches den Leser an
ausländische Dichter heranführt, ist das Novum der Übersetzung. Ein Novum
insofern, als es der Belesenheit und dem Kenntnisreichtum des Übersetzers
anheimgestellt ist, Sprache zu transformieren, ohne ihren idiomatischen Kern zu
verletzen. Deshalb sei die nachfolgende Sentenz aus der Novelle Synnöve
Solbakken in diesem Sinne wertfrei zitiert. Sie weist jedoch den wohltuenden
Duktus der Einfachheit und den Wegfall des Kontrapunktischen auf:
_________________________________________________
'Kampen war
ein schöner Hof; er lag mitten in der Ebene, die unten von der Kampenschlucht,
oben von der Dorfstraße begrenzt wurde; jenseits vom Wege war dichter Wald,
weiter oben erhob sich die Bergwand, und dahinter standen schneebedeckt die
blauen Höhen. Auf der anderen Seite der Kampenschlucht war ebenfalls ein breiter
Höhenzug, der im Anfang sich um den ganzen Schwarzen See an der Seite hinzog, wo
Böen lag, nach Kampen zu höher wurde, aber gleichzeitig beiseite trat vor der
breiten Talsenkung, dem Niederdorf, die hier unten anfing; denn Kampen war der
letzte Hof im Oberdorf.'
Quelle:
©
Coron Verlag
Zürich o. Jahreszahlangabe.
_________________________________________________
Was, dies bleibt zu fragen, wäre dem an
Eindrücklichkeit hinzuzufügen oder hinwegzunehmen? Das Fabuliervermögen des
Dichers ist dazu da, um Visuelles in der Gedankenkraft des Lesers freizusetzen,
nicht um ihm, gleich einem vorgestanzten Puzzle, wie ein Aneinanderfügen von
unsichtbarer Hand zu assistieren. Und was verrät Einfachheit? Die Abwesenheit
von prätentiösem Geschwafel, von selbstverliebter Nabelschau,. etwa wie: Seht her, ihr das
draußen, ich allein bin Herrscher über mein Wort!
Sehen wir uns um, was die heutigen Dichter
(die als solche zu deklarieren bis auf zwei, drei Ausnahmen vermessen wäre) uns
anpreisen: einen Fundamental-Duktus, der Sprache sinnentstellt überfrachtet, der
Impressionen nicht mehr vermittelt, sondern sie stilisiert, um ans Revers
geheftet zu werden. Dort sollen sie im Mediengewitter aufblühen - und verwelken
doch schon nach kurzer Zeit.
Ehren wir also die Meister des Fabulierens,
des sinnlich Vermittelten, des sprachlich messerscharf Konturierten. Wer sich
mit Björnson beschäftigen möchte, der muß nicht die Person hochleben lassen, er
muß sein Werk schauen, und da gibt es viel zu erleben. Erlebnis der Schlichtheit als
Geistestrunk, nicht als Ausweg aus einer geistig erstarrten Misere, die man
heutzutage Sinnentleerung zu nennen beliebt. Sie ist jedoch nichts weiter als
eine Trägheit des Leibes und des Geistes. Hierfür ließe sich dieser große Dichter
als Alibilieferant nicht mißbrauchen.
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: J.
Michael Baerwald, Berlin.
|
|