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Ursula Sprecher und Julian Salinas: 'Heimatland'
Drei Jahre
lang, von 2006 bis 2009, erfährt man aus dem Vorwort, haben Ursula Sprecher und
Julian Salinas sich mit dem Projekt "Heimatland" auseinandergesetzt.
Herausgekommen ist ein aussergewöhnlicher und faszinierender Fotoband, in den
jedoch - getreu dem Motto: die schlechte Nachricht zuerst - bedauerlicherweise
Aussagen sogenannter Prominenter (nein, sie sollen hier nicht noch extra erwähnt
werden) aufgenommen worden sind, die überhaupt keinen Zusammenhang zu den
Bildern haben und an Banalität schwer zu überbieten sind. "Heimat ist, wo meine
mir nächsten Menschen sind" liest man da etwa. Sicher, der Satz hat was für
sich, doch wenn er so ganz für sich auf einer weissen Seite steht, denkt man
automatisch: geht es eigentlich noch banaler?
Fairerweise
soll angefügt werden: es finden sich auch gute, nachdenkliche Sätze in dem Band,
diese hier von Sibylle Berg, zum Beispiel: "Wenn man den Ort, an dem man geboren
wurde, und grösser, verlässt, wird man vielleicht einen angenehmen Platz zum
Leben finden. Neue Bekannte, schöne Bäume, hübsche Strassen. Alles kann man
finden, vielleicht ist es besser, als das was man aufgab, meist ist es nur
anders und das Recht auf Heimat hat man verwirkt." Nur eben, einen Bezug zu den
Fotos haben auch sie nicht.
Sich Fotos
anschauen ist so subjektiv wie Fotos aufnehmen oder, wie in diesem Fall,
inszenieren. Und so will ich gleich mit einem Geständnis beginnen: ich bin kein
Fan inszenierter Bilder. Dies gesagt, will ich sogleich nachschicken, dass ich
im Falle dieses Bandes die Inszenierung ganz klar als anregend und bereichernd
erlebt habe.
Sprecher und
Salinas sind ihr Heimatland-Projekt mit einer Grossformatkamera angegangen. Sie
wussten, was sie aufnehmen wollten und fragten Leute am Ort, wo sie die Kamera
aufstellten (das dauerte), ob sie sich ins Bild setzen lassen würden - und viele
machten mit. Das ist gut zu wissen, denn viele der Aufnahmen, obwohl gestellt,
wirken nicht so. Dieses Wissen um die Inszenierung, die so recht eigentlich eine
Re-Inszenierung ist (Sprecher und Salinas fanden die abgebildeten Menschen so
vor, wie sie abgebildet sind, und fragten, ob sie bereit wären, sich bei ihrem
Tun fotografieren zu lassen), verändert die Wahrnehmung, man sieht anders hin:
genauer, analysierender, abwägender.
Es ist die
allererste Aufnahme, die mich sofort für dieses Buch eingenommen hat. Sie zeigt
den Urnerboden, die grösste Alp der Schweiz, wo noch etwa 40 Einwohner hausen.
Drei der Jüngeren sieht man im Vordergrund, den Rücken den Fotografen zugewandt.
Ihre Konturen sind so scharf gezeichnet, dass man meinen könnte, sie seien aufs
Bild geklebt worden. Überhaupt die Farben: satt und wunderbar und einem für
einmal eindrücklich vor Augen führend, dass man sich nicht täuscht, wenn es
einem in diesem Land vorkommt, als sei der Himmel meist grau: er ist es.
Einige der
Fotos konnte ich sofort, auch ohne Bildlegende, platzieren. Bellinzona, zum
Beispiel, denn da habe ich einmal gewohnt. Andere hingegen nicht, den Ospizio
Bernina etwa, obwohl ich da schon einige Male gewesen bin. Doch
dankenswerterweise sind den Bildern Ortsangaben und Legenden beigegeben, und
zwar in der jeweiligen Landessprache - im Falle von Sedrun also auf Romanisch -
und das finde ich toll, auch wenn ich kein Romanisch verstehe. Vielleicht könnte
Heimat ja auch bedeuten, sich einen Ruck zu geben und etwas Romanisch zu lernen.
Die Schweiz,
die man in diesem Buch vorfindet, ist eine Alltagsschweiz und das meint: nicht
die immer gleichen Schlösser und Burgen, nicht die immer gleichen Politiker,
kein Heidi, Wilhelm Tell und Geissenpeter, dafür, zum Beispiel, der futuristisch
anmutende Autobahnlüftungsschacht im jurassischen Cornol, dem jedoch ein etwas
irritierender Text beigegeben ist, der mich zuerst glauben liess, es handle sich
dabei um eine Zivilschutzanlage, bei der sich die Leute gerne zum Grillieren
einfinden. Nur eben: der Text hat mit dem Bild nicht direkt zu tun, sondern gibt
einigermassen willkürliche Informationen über Cornol wieder. Der Grund? Text und
Bilder sollen zum Sich-Wundern, zum Fragen und zum Sich-Freuen anregen, meinte
Julian Salinas auf Anfrage. Und wie findet man raus, dass man da einen
Autobahnlüftungsschacht vor Augen hat? Indem man mit mir Kontakt aufnimmt,
erwiderte er.
Übrigens:
die Texte, die den Bildern mitgegeben sind, sind was für Freunde des Absurden:
so lautet etwa derjenige zum Foto von Wattwil (drei graue Wohnblöcke unter
grauem Himmel, davor eine grüne Wiese und eine Kiesstrasse, auf der ein junger
Mann in Jeans und nacktem Oberkörper einen Spielzeugtraktor, glaube ich, in der
Hand hält): "Eine intakte Landschaft lädt zu jeder Zeit zu Wanderungen in der
näheren und weiteren Umgebung ein. Den Bedürfnissen entsprechend haben die
Verantwortlichen der Schwimmbadkommission eine ansprechende Internetseite für
die Badi Wattwil erstellen lassen." Und zu Sargans, meinem Wohnort, den ich ohne
Legende vermutlich nicht erkannt hätte, der jedoch haargenau so ausschaut, wie
Sargans aus diesem Winkel und wenn Schnee liegt eben ausschaut, steht zu lesen:
"Nur wer die Vergangenheit kennt und die Gegenwart versteht, ist in der Lage,
die Zukunft unserer Gemeinde so zu gestalten, dass der Respekt gegenüber dem
Bestehenden und die Aufgeschlossenheit gegenüber dem Neuen in einem fruchtbaren
Gleichgewicht stehen. Im Dorf und dessen Umgebung sind 55 Ruhebänke
unterhaltsintensiv zu pflegen."
Wo kommen
diese Sätze her? Im Impressum finden sich "Gemeindetexte" ausgewiesen. Und das
meint: Diese Sätze stammen von den Gemeinden selber, wurden von Sprecher und
Salinas ausgewählt und zusammengestellt und dann den Gemeinden wieder vorgelegt,
sind also von diesen abgesegnet worden. Offenbar hatten sie selber keine Mühe,
sich darin zu erkennen!?!?
Summa
summarum: Das ist ein Buch, bei dem nicht nur ein cleverer Gedanke Pate
gestanden hat, sondern auch überzeugend visuell umgesetzt worden ist.
Herausgekommen ist dabei ein sehr anderes - schrägeres und wirklicheres - als
die üblichen Heimatbilderbücher.
►
Als
pdf-Datei mit Illustration anschauen
Herausgegeben vom Truce Verlag Zürich 2009
►www.truce.ch
Rezensent
©:
Hans Durrer, Sargans (CH)
Bitte beachten Sie diese Links zum Autor:
http://hansdurrer.com
http://durrer-intercultural.blogspot.com |
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