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'Aufbruch
in die Gegenwart'
Die
Schweiz in Fotografien 1840 - 1960
Fotografien sind
Zeugnisse für etwas, das einmal war - sie sind Zeitdokumente. Ganz besonders
eindrückliche versammelt der von Dieter Bachmann und dem Schweizerischen
Landesmuseum herausgegebenen Band "Aufbruch in die Gegenwart. Die Schweiz in
Fotografien 1840-1960", mit literarischen Texten von damals bis heute, sowie
einer kleinen Fotogeschichte von Peter Herzog und Anmerkungen zur Sammlung
Herzog im Landesmuseum Zürich von Ricabeth Steiger. Wie es sich für ein
nationales Werk gehört, finden sich die Texte (viele wunderbare Trouvaillen) in
diesem Band in den drei offiziellen Schweizer Landesprachen Deutsch, Französisch
und Italienisch (dem Gedicht auf Romanisch, der vierten Landessprache, von Luisa
Famos ist eine deutsche Übersetzung beigegeben), doch die Zuordnungen Text/Bild
sind nicht unproblematisch (wenn zum Bild eines Campinplatzes, auf dem gar keine
Blumenanlage zu sehen ist, steht: "Eine kleine, kleine, kleine Blumenanlage. Im
festen, entschlossenen, tüchtigen Frühlingsvormittagssonnenlicht") und
gelegentlich etwas komisch (wenn das Foto einen Schweinemarkt zeigt, der
dazugestellte Text jedoch von Kühen spricht). Andere hingegen sind wunderbar
gelungen, zum Beispiel der Text von Jörg Steiner ("Der Frühwinter liegt überm
Land. Der Nebel dämpft die Geräusche. Hier wird jeder leise; nur im Kopf dröhnen
die Selbstgespräche") zu einer Aufnahme ("Winterliches Vergnügen"), die drei
Männer und zwei Frauen plus Hund auf einem schneebedeckten Dach zeigen.
Das Schwergewicht der
Bilderfolge, schreibt Dieter Bachmann unter dem Titel "Von den Alpen her
auffrischender Talwind", "liegt etwa in den Jahren zwischen 18880 und 1960 -
weniger als hundert Jahre, in denen die moderne Schweiz sich herausentwickelt
hat, mit Industrie, Forschung, Technik ... Das Gesamtbild, das aus 106
Einzelbildern entsteht (und das, bei der unfassbar grossen und archivarisch noch
lange nicht aufgearbeiteten Menge des vorhandenen Materials im Einzelnen auch
andere Akzente haben könnte, ordent sich dem Titel 'Aufbruch in die Gegenwart'
unter. So beschreibt es in einzelnen Moment-Aufnahmen einen Abschied - besonders
deutlich in den Bildern des Historismus -, und zugleich die unerschrockene
Begehung des schwierigen, schwindelnden Weges zu dem hin, was in diesen Bildern
noch Zukunft heisst und erst jetzt, in der Betrachtung, Vergangenheit geworden
ist. Ein Heimatbuch, in dem Heimat fremd wird."
Ein guter Satz: "Ein
Heimatbuch, in dem Heimat fremd wird." Doch stimmt er? Für mich nicht, ich habe
das Buch ganz anders empfunden. Mir ist die darin abgebildete Heimat nicht
fremd, sondern vertraut vorgekommen, obwohl ich zu jung bin, um das meiste, das
da zu sehen ist, selber erlebt zu haben. Mir kommt es eher vor, als ob die
moderne, amerikanisierte Vorstadt-Schweiz die Idee von Heimat gar nicht mehr
aufkommen lässt, die Bilder in diesem Band hingegen schon.
Die Fotografie im 19.
Jahrhundert war einer Elite vorbehalten, schreibt Peter Herzog unter dem Titel
"Kleine Schweizer Fotogeschichte" und so handeln denn die in dieser Zeit
gefertigten Bilder in erster Linie von "der Selbstdarstellung einer
aufstrebenden Bürgerklasse, die sich die neuen Bilder leisten konnte." Zwischen
1839 (das Jahr, in dem die Fotografie offiziell erfunden wurde) und 1870
bestimmten vor allem ausländische Touristen das Schweizer Fotobild. "Obwohl
bereits Ende der 1880er Jahre die Kodak-Kamera auf den Markt gekommen war, blieb
das Fotografieren noch während der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts eine
Angelegenheit sozialer Oberschichten." Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung
veränderte sich dann auch die Fotografie: "Unermüdlich haben unsere Vorfahren
ihr Leben und die ständigen Veränderungen ihrer Umwelt fotografiert und diese
Zeugnisse in Alben sorgfältig aufbewahrt. Wir können davon ausgehen, dass in
Zeiten des digitalen Fotografierens nur noch wenige Bilder eine grössere
Zeitspanne überdauern werden. Wir stehen also vor der paradoxen Situation, dass,
obwohl wir die technischen Möglichkeiten hätten, dies zu verhindern, in
absehbarer Zeit mehr Informationen aus dem 19. und der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts zur Verfügung stehen werden als über die neueste, unsere eigene
Epoche ..."
Ich bin da nicht so
sicher, denn das Sammeln ist dem Menschen Natur (wenn auch nicht allen so sehr
wie Peter Herzog), die Zeit festhalten zu wollen genauso. Anders gesagt, der
Mensch braucht seine Geschichte und wird sein fotografisches Gedächtnis nicht
einfach aufgeben wollen.
Schön, dass es dieses
Buch gibt.
Herausgegeben vom Limmatverlag, Zürich
►www.limmatverlag.ch
Weitere Informationen:
►Landesmuseum
Schweiz
Rezensent
©:
Hans Durrer, Sargans (CH)
Bitte beachten Sie diese Links zum Autor:
http://hansdurrer.com
http://durrer-intercultural.blogspot.com |
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