|
|
Geschichte
der Photographie
Von 1839 bis heute
"Geschichte der
Photographie" baut auf der George Eastman House Collection auf, deren
photographische Sammlung insgesamt über 400,000 Artefakte verfügt. Da es
unmöglich ist, diese alle in einem Band zu versammeln, bietet "Geschichte der
Photographie" einen thematisch und chronologisch geordneten Überblick.
Das Museum im George Eastman House wurde 1949 gegründet. Es war - nach Walton
Sipleys "American Museum of Photography" - das zweite, der "Photography"
gewidmete Museum, sein erster Kurator war der Photographie Historiker Beaumont
Newhall.
Ein ungeheurer Reichtum an vielfältigstem Bildmaterial, erläutert und ergänzt
mit höchst informativen Texten, zeichnet diesen Band aus. So erfährt man etwa,
dass in ihren Anfängen die Photographie
in Ägypten in der Hand meist wohlhabender Amateure sowie "Individuen wie Louis
de Clercq und Maxime Du Camp, die offizielle oder halboffizielle Unterstützung
von verschiedenen staatlichen oder wissenschaftlichen Stellen erhielten",
gelegen hatte, doch in den 60er und 70er Jahren des 19. Jahrhunderts begannen
Einheimische aktiv zu werden. So besass der Ägypter J. Pascal Sébah von den
1870er bis in die 1890er Jahre eines der grössten Photostudios in Konstantinopel
und schickte regelmässig Photographen los, um ägyptische Sehenswürdigkeiten
aufzunehmen. "Die fortgesetzte Präsenz der von Einheimischen geführten Ateliers,
die aufgrund ihrer Vertrautheit mit den Bräuchen und Sprachen des Landes Zugang
zu Orten hatten, der herumreisenden Touristen und Photographen nicht gewährt
war, vergösserte den Bestand an Bildern aus diesen Regionen."
Im Kapitel "Welt der Tatsachen" liest man dann den Satz, der wohl auch heute
noch für die meisten von uns, und trotz unseres Photoshop-Wissens, Gültigkeit
hat (jedenfalls gefühlsmässig): "Ihre vermeintliche Authentizität verlieh ihr
{der Photographie} den Nimbus eines wissenschaftlichen Beweises." Und im Kapitel
"Photographie im öffentlichen und im privaten Leben" erfährt man, dass Victor
Hugo, weil er Napoleon III öffentlich angeprangert hatte, zusammen mit seiner
Familie von 1851 bis 1870 auf der Insel Jersey im Exil leben musste und dort,
zusammen mit seiner Frau Adele, ein Album mit 41 Photographien zusammenstellte,
als Geschenk für die Tochter von Hausgästen, die sie beherbergt hatten. Man
lernt aber noch weit mehr in diesem Kapitel, etwa, dass oft Haustiere
photographiert wurden oder dass es im viktorianischen England meist Frauen
waren, die Photoalben zusammenstellten oder ... die Fülle an Interessantem,
Spannendem und Anregendem ist eindrücklich, nicht zuletzt, weil, so lesen wir:
"In keinem anderen künstlerischen Medium haben Amateure einen solch bedeutenden
Beitrag geleistet wie in der Photographie."
À propos Kunst: Julia Margaret Cameron,
die erst im Alter von 49 Jahren zur Photographie gekommen war und sich mit
Porträtaufnahmen einen Namen machte, wird im Kapitel "Künstlerische Ambitionen"
mit dem Satz zitiert: "Es ist mein Bestreben, die Photographie zu veredeln und
ihr den Charakter und die Wirkung einer Hohen Kunst zu sichern, indem ich das
Wirkliche und Ideale verbinde und trotz aller Verehrung für Poesie und Schönheit
nichts von der Wahrheit opfere."
Mein persönliches
Lieblingskapitel ist "Das photographierte Objekt". Hier finden sich unter
anderen die wunderbaren Aufnahmen von Edward Weston (1886-1958). Zu meinen
Favoriten gehören das Tomatenfeld von 1937 und die Dünen von Oceano von 1936,
aber auch Tina Modottis Frau von Tehuantepec und Imogen Cunninghams
Magnolienknospe (beide von 1929), Alexander
Rodtschenkos Moskau von 1927, László
Moholy-Nagys ... doch Halt, Stopp, bevor ich jetzt noch alle anderen in diesem
instruktiven Band versammelten Aufnahmen aufzähle ...
Herausgegeben von
Taschen, Köln 2010
►zum
Verlag
Rezensent
©:
Hans Durrer, Sargans (CH)
Bitte beachten Sie diese interessanten Links zum Autor:
http://hansdurrer.com
http://durrer-intercultural.blogspot.com |
|
|
Ad personam
Hans Durrer,
geboren 1953 in Grabs/Schweiz, ist Autor von "Ways of Perception: On Visual and
Intercultural Communication (White Lotus Press, Bangkok 2006), "Inszenierte
Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien" (Rüegger Verlag, Glarus/Chur
2011) und "Framing the World: Photography, Propaganda & the Media" (Alondra
Press, Houston 2011). Er arbeitet als Dolmetscher, Essayist und Zwölf-Schritte
Therapeut.
|